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"... erst Strukturieren,
dann Designen"


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125 Jahre Trierischer Volksfreund
Bonner Generalanzeiger
Independent
Chicago Tribune

Websites erfordern mehr als ein beeindruckendes Design. Hans-Jürgen Bucher, Professor für Medienwissenschaft, spricht mit JavaJim über die Orientierung im Cyberspace, Gestalt-Prinzipien und Öko-Gefrierschränke bei Quelle.de.
 


 

Welche Erfahrungen haben Sie in Ihren Usability-Untersuchungen gemacht?
 
Die Hauptquelle für viele Navigationsprobleme sind schlechte Strukturierungen des Angebotes. Auf diesen Mangel lassen sich eine ganze Reihe von Schwierigkeiten zurückführen, an denen Nutzer scheitern. Eine Site, deren Architektur nicht durchdacht ist, kann kein kohärentes Navigationssystem anbieten, die Zusammenhänge zwischen den Angebotsteilen sind nicht nachvollziehbar, Gewichtungen auf der Einstiegsseite fehlen, und eine logische Sitemap ist so schon gar nicht zu generieren. Deshalb gilt: Erst kommt das Strukturieren, dann das Designen.
 

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die Fragen stellte:
Heike Edinger

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Infos zur Person:
Hans-Jürgen Bucher ist Professor für
Medienwissenschaft an der Universität
Trier. Er forscht seit 1997 im Bereich
Usability.
Projekte und Publikationen
mehr zur Person

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Die Gebrauchsanweisung einer Zeitung ist einfach: Blättern. Welche Anweisungen braucht der User im Internet und wie interagiert er mit einer Website?
 
Der Begriff der Interaktion sagt eigentlich schon alles: Der Nutzer unterstellt auf der Angebotsseite eine Art virtuellen Kommunikationspartner, dessen Aktionen logisch nachvollziehbar und vorhersehbar sein sollen. Wenn das Angebot abweichend, inkohärent "reagiert", führt das zur Verwirrung beim Nutzer, bis hin zum Kommunikationsabbruch. Angenommen ein Gesprächspartner würde auf die Frage "Wie spät ist es?" mit der Äußerung reagieren "Das Gras ist grün", würden wir das Gespräch vermutlich relativ schnell beenden. Dasselbe passiert im Normalfall wenn wir mit Angebotsseiten konfrontiert sind, die wir nicht in den Zusammenhang unseres Navigationspfades einordnen können. Da solche Unverträglichkeiten in Webangeboten allerdings relativ häufig vorkommen, haben wir uns bereits daran gewöhnt und versuchen, uns trotzdem einen Reim darauf zu machen. Entscheidend für eine selbstbestimmte, kohärente und zielgerichtete Navigation sind folgende Gestaltungselemente: ein überschaubares Navigationssystem, verständliche Linkkennzeichnungen, die klar sagen, wohin die Absprungstelle führt, übersichtliche Seitengestaltung und klare Seitenbezeichnungen.

Denken Sie, dass die Orientierung im Cyberspace universellen Regeln folgt?
 
Ich denke, dass die Gestalttheorie und die Kommunikationstheorie tatsächlich einige solcher allgemeingültiger Regeln entdeckt haben, die überall da gelten, wo Menschen einen Kommunikationszusammenhang erkennen müssen: Immer wenn es um Fragen der Kohärenz geht, sind solche Prinzipien wirksam: Beispielsweise das Prinzip der Relevanz, das Prinzip der Informativität oder das Prinzip der Verständlichkeit. Vor allem für den Bereich der visuellen Kohärenz hat die Gestalttheorie eine ganze Reihe von Prinzipien formuliert, wie das Prinzip der Nähe - was nahe zusammensteht, wird auch in einen Zusammenhang gebracht - das Prinzip der Ähnlichkeit oder das Prinzip der logischen Fortsetzung. Das gestalttheoretische Prinzip der Unterscheidung von Hintergrund und Vordergrund ist für die Wahrnehmung einer Website in besonderer Weise entscheidend: Grundlegend für das Verständnis einer Seite ist die Unterscheidung, was seitenspezifischer Content-Teil ist und was zum Navigationshintergrund gehört, der für eine ganze Reihe verschiedener Seiten gleich bleiben kann.

Welches sind die drei wichtigsten Regeln, die ein Internetangebot beachten sollte?
 
Wenn man die typischen Orientierungs-Wo-Fragen des Webnutzers nimmt "Wo bin ich?", "Wo komme ich her?", "Wo kann ich hin?", so könnte man drei goldene Regeln für Webdesign formulieren: 1. Tu alles, um dem Nutzer jederzeit eine Standortbestimmung zu ermöglichen. 2. Stelle sicher, dass der Nutzer rekonstruieren kann, wie er zu seinem aktuellen Standort gekommen ist. Und 3. Sorge dafür, dass ein Nutzer begründete Hypothesen bilden kann, wie es weiter geht - und sorge vor allem dafür, dass seine Erwartungen nicht enttäuscht werden.

Webangebote sind oft trotz schlechter Benutzerführung äußerst erfolgreich und beliebt. Haben die User eine hohe Frustrationstoleranz? Ist Markentreue wichtiger als Usability?
 
Solche Befunde sind eigentlich ganz tröstlich, denn sie zeigen: Der Content spielt eine entscheidende Rolle für die Nutzung eines Mediums. Deshalb florieren im Printbereich Fossile wie die FAZ, obwohl gleichzeitig so aufwendig gestaltete Blätter wie die "Woche" von der Society for Newsdesign als weltbeste Zeitung prämiert werden. Ich bin sicher, dass Markentreue ohne entsprechendes Content-Angebot keinen dauerhaften Bestand hat.

Die großen Marken im Netz werden mit jedem Relaunch komplexer, das Design verschwenderischer (jüngstes Beispiel RTL). Ist es nicht paradox, dass wir mehr zu Usability wissen, der User aber immer noch nicht in den Mittelpunkt gestellt wird?
 
Das hängt damit zusammen, dass bei der Gestaltung von Webangeboten vielfach die Programmierer das Sagen haben. Hinzu kommt, dass oft noch keine Vorstellungen bei den Anbietern vorhanden sind, welche Kommunikationszwecke sie mit ihrem Angebot verfolgen. Die Konkurrenz-Situation, insbesondere im E-Business-Bereich, wird aber Usability-Fragen künftig stärker in den Fokus rücken.

Viele Marken haben bei ihrem ersten Webauftritt noch mit einer Metapher gearbeitet (z.B. Cockpit beim Stern). Heute nähern sich die Angebote in ihrem Grunddesign immer stärker an. Beginnen sich im Internet nach einer Experimentierphase bestimmte Darstellungsformen zu etablieren?
 
Medienhistorisch betrachtet wäre es verwunderlich, wenn sich keine Standardisierungen in der Gestaltung von Online-Angeboten herausbilden würden. Dieser Prozess der Standardisierung lässt sich jedenfalls in der Geschichte des Zeitungslayouts ebenso beobachten wie in der Entwicklung von Fernseh- und Hörfunkformaten. En dynamischer Faktor ist allerdings die software-technische Entwicklung: Neue Gestaltungsmöglichkeiten werden eingesetzt und müssen erprobt werden. Eine Studie hat gezeigt, dass Online-Nutzer bereits Wahrnehmungsmuster für Webseiten ausgebildet haben, beispielsweise was die Platzierung von Navigationsleiste, Seitenkennung und Content angeht. Es wäre äußerst unklug, permanent gegen solche Wahrnehmungsgewohnheiten zu verstoßen. Das soll aber kein Plädoyer gegen innovative Darstellungsformen sein.

Das Netz wird immer verspielter - Millionenbeträge werden in (vermeintlich) prestigeträchtige Erlebnis-Elemente investiert, wie Flash, Animationen, Streams. Hat die solide, rein funktionale Navigation ausgedient? Will der User lieber "entdecken" und sich überwältigen lassen?
 
Natürlich muss man hier antworten: Das kommt ganz darauf an. Wer ins Kino geht, will überrascht werden, wer die Tagesschau einschaltet, will informiert werden. Die Gewichtung von Unterhaltung, Überraschung, Information, Ästhetik ist immer eine Frage der Kommunikationsabsichten, die mit einer Website verfolgt werden. Wer im Quelle-Katalog einen bestimmten Artikel sucht, braucht keine Flash-Animation sondern eine vernünftige Suchfunktion. Und wer die Tagesergebnisse der 12. Vuelta-Etappe erfahren will, ist genervt, wenn er eine aufwendige Vorschaltseite über sich ergehen lassen muss. Grundsätzlich gilt: bei allen Befragungen von Online-Nutzern - auch in den Trierer Rezeptionsstudien - wird die Suche nach Information als der überwiegende Nutzungsgrund für das Internet angegeben.

Welches ist Ihre Lieblingswebsite?
 
Derzeit eindeutig die www.125jahretv.de, weil das Kind nach neun Monaten endlich auf die Welt gekommen ist. So lange hat ein Projekt von Studierenden und Lehrenden des Faches Medienwissenschaft nämlich gedauert, bis das Multimedia-Angebot zum 125jährigen Jubiläum des Trierischen Volksfreundes endlich online ist.

Welche Site hat Ihrer Meinung nach eine vorbildliche Benutzerführung?
 
Viele Tageszeitungen ganz besonders aber der Bonner Generalanzeiger. Aufwendiger, aber ebenfalls sehr intuitiv, ist die Benutzerführung beim Independent und der Chicago Tribune. Wer sich selbst mal testen will, sollte versuchen, im Quelle-Angebot einen Öko-Gefrierschrank zu finden.


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weiteres zum Thema:
Navigation
Navigationsleisten - eine Typologie
Orientierung auf Websites
Kennzeichnung von Textlinks
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