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"... sich lieber selbst ausbeuten"


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New Economy-Magazin
brandeins.net

Die New Economy aus journalistischer Perspektive. Gabriele Fischer, Chefredakteurin des Wirtschafts-Magazins "brand eins", über Yuppies, Kapitalismus und ihre Faszination an der New Economy.
 


 

Wie würden Sie die New Economy beschreiben?
 
Der Begriff New Economy ist der Versuch, eine ziemlich grundlegende Veränderung zu beschreiben: Heute entsteht Produktivität vor allem durch Wissen und Kreativität. Und das hat ungeheure Folgen. Denn wenn ich von einem Mitarbeiter seine Kreativität will, muß ich ihn entsprechend behandeln. Und wenn mein Wettbewerbsvorteil (flüchtiges) Wissen ist, muß ich immer in Bewegung bleiben. Und ich muss mir auch überlegen, ob das alte Konkurrenzmodell mit seinen ganzen Aufkäufen und Fusionen für diese Form der Wirtschaft paßt oder ob Netzwerke nicht viel effektiver sind.
 

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die Fragen stellte:
Timo Wirth

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Was unterscheidet die New Economy von der Yuppie-Kultur der 80er?
 
Weil die New Economy gern mit dem Neuen Markt gleichgesetzt wird, glauben viele, auch den neuen Unternehmern ginge es nur darum, möglichst schnell Kohle zu machen. Tatsächlich beschreibt das nur die Auswüchse. Die Mehrheit der Leute, die ich aus der New Economy kenne, haben das sehr ernsthafte Bestreben, etwas Neues zu schaffen, neue Produkte und Dienstleistungen, neue Regeln, neue Formen der Zusammenarbeit. Aber anders als die Veränderer Ende der 60er Jahre haben sie nichts dagegen, wenn dabei am Ende auch gutes Geld herauskommt. Und wenn das Ganze darüberhinaus auch noch Spaß macht.

Was finden Sie persönlich an der New Economy spannend?
 
Dass wir es mit einer grundlegenden Veränderung zu tun haben, die noch ganz am Anfang steht. Wir wissen noch nicht, wie und ob Unternehmen es schaffen, trotz Wachstum keine starren Konzerne zu werden, ob sich neue und etablierte Wirtschaft künftig aufeinander zu oder voneinander weg bewegen, wie die neuen Regeln aussehen. Täglich stellen sich neue Fragen, auf die noch keiner eine Antwort weiss. Diese Entwicklung zu begleiten, zusammen mit anderen nach Antworten zu suchen oder auch nur nach interessanten Fragen - das ist das Aufregendste, was ich mir zur Zeit vorstellen kann.

Ist die New Economy nicht eine Radikalisierung des Kapitalismus (10-12 Stunden am Tag arbeiten, Vermischung Arbeit und Freizeit, keine Tarifverträge etc.) und damit ein Rückschritt für die soziale Marktwirtschaft?
 
Dazu hat mein Kollege Peter Lau in der September Ausgabe von brand eins (erscheint Ende August) als Antwort auf den Spiegel-Artikel über die "Yetties" alles gesagt, was dazu zu sagen ist. Zusammengefaßt: was ist verwerflich daran, wenn Leute sich lieber selbst ausbeuten als von anderen ausbeuten zu lassen? Und wer fürchtet um die Seele von wem, wenn diese Menschen das was sie tun, auch noch gern tun?

Inwieweit ist die New Economy von gesamtgesellschaftlicher Relevanz? Ist sie und wird sie nur ein exklusives Randphänomen bleiben?
 
Nur weil ein paar Internet-Firmen pleite gemacht haben, werden jetzt schon wieder die ersten Abgesänge angestimmt - mich amüsiert das. Wer heute hofft, es werde vielleicht doch noch alles beim Alten bleiben, sollte sich auf harte Zeiten einstellen: allein die Veränderung der Kommunikation durch das Internet hat schon und wird noch Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend verändern. Dazu kommt: dass selbstbewußte und unabhängige junge Leute wichtige Rollen übernehmen, dass Unternehmertum für Studienabsolventen einen immer besseren Klang bekommt, dass auch die etablierten Unternehmen Elemente der New Economy übernehmen müssen, wenn sie die kreativen Leute, die sie brauchen, für sich gewinnen wollen. Der Wandel ist viel grundlegender als der Kursverlauf am Neuen Markt glauben macht.

Ist die New Economy überhaupt an Politik interessiert oder lebt sie besser ohne Politik?
 
Ich habe das Gefühl, dass sie sehr wohl an Politik interessiert ist - dass sie aber nicht sehr viel Vertrauen in Parteipolitik hat. Und ich denke, das ist ein Problem, dem sich die Parteien sehr bald stellen müssen. Solange sich allerdings Politiker mit so wunderbaren Vorschlägen öffentlich vernehmen lassen: Es gebe da ein Internet und da gebe es eine Menge rechtsradikaler Seiten und die müsse man nun endlich verbieten - solange wird sie wohl keiner aus der New Economy ernst nehmen. Selbstverständlich müssen wir uns etwas gegen die Rechtsradikalen einfallen lassen, aber vielleicht fällt jemand noch etwas Intelligenteres ein?

Sind New Economy Firmen in irgendeiner Art und Weise organisiert, um gesellschaftlich Druck auszuüben, oder sind die Firmen Einzelkämpfer ohne Lobby?
 
Wir haben es, wie oben gesagt, mit einer Entwicklung am Anfang zu tun. Organisationen müssen sich entwickeln, vor allem, wenn auch hier neue Wege beschritten werden sollen. In den USA beginnt die New Economy langsam die Lektion des Lobbying zu lernen, sie laden auch schon mal einen Politiker ein. Hier sind die ersten Netzwerke und Verbände noch im Versuchsstadium, aber natürlich wird auch die New Economy hier lernen, dass es nicht schlecht ist, die Politiker ab und zu mit Informationen zu versorgen.

Welche Rolle spielt "brand eins" im Feld der New Economy?
 
Das ist aus der Innensicht immer schwer zu sagen. Leser schreiben uns zum Beispiel, dass Sie uns schätzen, weil wir "als Echte aus dem Echten berichten". Ich verstehe das so: Wir haben uns als Redaktionsteam mit der neuen Wirtschaft entwickelt, haben ähnliche Erfahrungen gemacht und uns nie dem Mainstream angepasst. Das macht uns zu vertrauens- und glaubwürdigen Begleitern auf einem aufregenden Weg.


 
   

Wird "brand eins" in 5-10 Jahren die neue "Wirtschaftswoche" sein und sich die New Economy zur Old Economy mit Strukturproblemen gewandelt haben?
 
Natürlich wird die New Economy irgendwann mit Struktur- und Entwicklungsproblemen zu kämpfen haben - vor allem dann, wenn sie eben nicht versucht, im Krisenfall auf die Rezepte der etablierten Wirtschaft zu setzen. Wie gesagt: wie das nun alles weiter geht, steht noch nirgends festgeschrieben. Deshalb ist auch noch nicht raus, ob wir in, na, sagen wir zehn Jahren noch Wochenmagazine haben wollen oder ob wir die Mischung: aktuell - Internet, tiefgründig - Monatsmagazin bevorzugen. Und ob ein Wirtschaftsmagazin mit Kultur dann einfach das meistgelesene Magazin ist. Dann sind wir vielleicht so bekannt wie die Wirtschaftswoche - aber sicher nicht gleich.

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New Economy systemtheoretisch
Good old new Economy
 
"nicht für die Tastatur ausgelegt"
Interview Prof. Dr. Eckert - Soziologie
 
"Tuust Duuuu?"
Erlebnisbericht - Betroffener
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