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Come to Daddy


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Als ich neulich das neue Video der Pet Shop Boys "Home And Dry" sah, war ich überrascht: Nur drei Mäuse auf den U-Bahn-Schienen Londons und ein altes Brötchen. Ich musste daran denken, wie es war, als in den 90er-Jahren die Innovationsdynamik der Musikvideos eskalierte und mit Aphex Twin kollabierte.
 


Das Aphex-Twin-Video
Come To Daddy

 

In den guten und repräsentativen Videos der 90er zeigt sich die allmähliche Poetologisierung der Popkultur, die damals ihren Höhepunkt erreichte, am deutlichsten. Alle fraßen Poptheorie. Und am sensibelsten dafür waren wohl wir im spexverseuchten Deutschland. Zeit für ein wenig Retrogewandness. "Godspeed!"

der Künstler: Identity-Play

Hinter dem Künstlernamen Aphex Twin verbirgt sich der DJ und Musiker Richard James, der sich auch Polygon Window, Dice Man, Caustic Window oder AFX nannte. Darin äußert sich schon ein freizügiger Umgang mit Identität und deren Verknüpfung mit Computertechnologie. Seine Tracks und Videos sind charakteristisch für eine Infragestellung der Identität durch übersteigernde und verfremdende Technologie.
 

   

der Song: contra Popschema

Der Aphex-Twin-Song "Come to Daddy" entspricht keinem klassischen Popsongschema mit Strophen und Refrains und fügt sich keiner gängigen Stildefinition. In der Popkultur Ende der 90er gibt es kein Entweder-Oder der Stile, sondern ein Sowohl-Als-Auch, kein Verschmelzen der Gegensätze, sondern ihre Kontrastierung - Crossover. Im Falle von Aphex Twin sogar innerhalb des Schaffens eines Künstlers.
 



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Crossover:
Die ständige Entgrenzung der Stile, die
seit Mitte der 80er-Jahre von der
Subkultur ausgehend den Pop beherrscht,
ist auch im Mainstream in vollem Gang.
Es besteht ein riesiges Universum von
Mikrostilen.

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das Video: contra Identifikationsmodell

Im Video "Come to Daddy" rennt eine Horde von Kindern in grotesker Weise durch ein Areal von Großstadtversatzstücken. Dabei tragen neben einem Fernseher alle unabhängig von Geschlecht und Alter das Gesicht von Aphex Twin. Im Fernseher singt eine verzerrte Fratze - ebenfalls von Aphex Twin - "I want your soul, I need your soul". Die Mitglieder der Bande erscheinen mit dem Kopf eines Erwachsenen wie Liliputaner, sind jedoch doch ihre Kleidung als Kinder/ Jugendliche gekennzeichnet. Verstörend sind die identischen aufmontierten Gesichter, die nicht als Masken zu durchschauen sind. Lärmend und randalierend tragen sie den flackernden und weiterhin schreienden Fernseher vor sich her und attackieren einen Autofahrer, den sie zunächst durch Steinwürfe, dann durch ihr Grinsen und das Herzeigen des Fernsehers in Angst und Schrecken versetzen.


Einer der Gnome vollführt anschließend einen seltsamen, obszönen Tanz, und es folgt ein mit einer Kindermelodie unterlegtes Intermezzo, in dem zwei der Gestalten in Zeitlupe und händchenhaltend aus einer Garage hüpfen. Das Kinderlied steht in größtmöglichen Gegensatz zu der eigentlichen Musik des Clips, einer rasenden Mischung aus Industrial, Drum'n'Bass und Hardcorepunk. Als diese wieder einsetzt, beginnen einige der Kinder sich gegenseitig zu attackieren. Nach weiterem Randalieren und einem langgezogenen Schrei des Sängers im Fernseher endet der narrative Teil des Videos. Es ist nur noch der bizarre Tanz eines geschlechtslosen Wesens mit einem grotesk abgemagerten Körper, der in abstrakt blitzartigen Sequenzen montiert ist, zu sehen.
 


 
   

Störung von Bildern und Identität

Die Homogenität des Clips, die sich in einer durchgängigen Ästhetik verwahrloster Vorstädte, einer Atmosphäre des Grauens und der Verstörung und einer einheitlichen Farbaussteuerung, die Rot- und Gelbtöne weitgehend herausfiltert, bildet, wird durch kalkulierte Bildstörungen immer wieder aufgehoben. Damit wird ein verweisender Bezug zum Medium geschaffen. Die Montage der Bilder richtet sich nicht nur auf das Arrangieren von Schnittsequenzen, sondern findet direkt in den dargestellten Körpern statt: Allen Kindern der Horde ist ein identisches, fratzenhaftes Gesicht des Künstlers aufmontiert. Sie werden damit zu quasi geschlechtslosen Gnomen, deren Geschlechtszuschreibung nur durch Bekleidungsattribute vorgenommen werden kann. Durch das Identische der Kinder wird das erzieherische Ideal des unverwechselbaren Individuums negiert und gleichzeitig das stereotypisierte Bild der Massenmedien vom jugendlichen Gewalttäter persifliert.


Ohne explizit oder moralisch darauf hinzuweisen, wird eine Verbindung geschaffen zwischen der technischen Verfremdung des Menschen in und durch die Medien und den ebenfalls medial vermittelten angeblichen Folgen davon. Durch das Erscheinungsbild der Kinderbande wird Subjektbildung und festgeschriebene Identität eliminiert, andererseits wird im Text nach der Seele, die ja allemal die Essenz des Subjekts ist, verlangt.
 


 
   

der Rattenfänger von MTV

Diese geforderte Verfügung über die nicht vorhandenen Seelen der Kinder resultiert in einer absurden Inszenierung des Rattenfängermotivs, das im Zusammenhang mit der Thematik von Auswirkungen kindlichem Medienkonsums steht, in dessen Zusammenhang dem Fernseher ja immer wieder unterstellt wird, er fungiere zugleich als Ersatz für die Eltern ("Come To Daddy") und als Verführer und Verderber der Kinder. Das Video thematisiert also unter anderem auch den Konnex zwischen Gewalt und technischen Bildmedien, weicht jedoch in mehreren Aspekten von einem platten, boulevardblatthaften Analogschluss ab und bricht diesen mehrfach.
 


 

 
   

Offenlegung der Produktion

Die Künstleridentität vervielfacht sich durch Tricktechnik und interagiert durch Montage über verschiedene Darstellungsinstanzen mit sich selbst. Es gibt eine Offenlegung der Produktionsbedingungen und damit eine Verfügung über diese, wenn sich beispielsweise die zum Drehen in der Tiefgarage notwendigen Scheinwerfer im Fernseher spiegeln. Die Referenz auf das eigene Medium geht in "Come To Daddy" soweit, dass mitunter Störungen, die in keinster Weise als clipimmanent gekennzeichnet sind, als rein technische Phänomene auf den Fernsehers des Zuschauers überzugehen scheinen. Sie sind erst einmal nicht zu unterscheiden von einem real vorhandenen defekten Antennenanschluss oder ähnlichem. Dieser vermeintliche Defekt des eigenen Fernsehers wird durch die schwarzen Balken wieder aufgehoben und als Stillmittel kenntlich gemacht. Die Störungen werden durch die Kontrastierung mit der ansonsten perfekten Tricktechnik des Videos noch zusätzlich herausgestrichen.
 


 

 
 
 
   

der schreiende Fernseher

Ein komplexer Umgang mit den einzelnen medialen Ebenen von Form und Inhalt, Hard- und Software und deren technologisch bestimmter Ästhetik ist vor allem im Motiv des schreienden Fernsehers, der zugleich der stark verfremdete Performanceteil des Videos ist, festzustellen. Das Bild in diesem ist bereits ein abgefilmtes, wie an der groben Zeilenrasterung zu sehen ist, und wurde zusätzlich computertechnisch verzerrt. Zusätzlich wird es mit Störungen überlagert, die nur das Resultat von groben Eingriffen in die Fernsehelektronik sein können. Durch Schwenks, Zooms und entsprechende Schnitte tritt dieses Fernsehbild sowohl als bildfüllendes Element des Apparates des Zuschauers auf, als auch als Teil der Handlung, in der die Kinder den Fernseher herum tragen. Dies führt dem Zuschauer eine in Hinsicht auf die Kommunikationsstruktur identische Situation mit der alten Frau und den Kindern vor und schafft einen Bezug zum konkreten Rezeptionskontext, in dem potentiell Reaktionen auf das medial sich Abspielende möglich sind. Es wird die Freiheit, aus und mit dem medial Vermittelten machen zu können, was man will, suggeriert. Dies wird durch die Offenheit des Videos, das nicht im geringsten zur Identifikation mit den agierenden Personen einlädt, jedoch auch nicht wertend davon abhält, möglich.
 


 
 
 
 
 
 

 

 

 
   

Reflektionen & Identitäten zerbrechen

Vom Fernseher vermittelt, geht über die Kinder und durch die technischen Störungen eine zunehmende inhaltliche und formale gewalttätige Zerstörung aus. Die Zerstörung überlegt und verdrängt am Ende die Personen, die Identitäten und die narrativen Strukturen. Vermittelt über diese von der Technik ausgehende Zersetzung kommt es zu einer weitgehenden formalen und inhaltlichen Überlagerung: Sowohl auf der Inhalts- als auch auf der Formebene geht alles zu Bruch.
 
- Aphex Twin. "Come to Daddy". 1997. - Video
 
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Wer die Langversion der Clip-Analyse lesen möchte, hier der Director's Cut:
 Come-to-daddy-XXL

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