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Revolution 909


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Das Unfertige wirkt fertig und das Zufällige wirkt kausal. Bei Daft Punk wird aus einem zufälligen Tomatensoßen-Fleck ein Zeitgeist-Zeugnis aus dem letzten Jahrhundert.
 


Das Daft-Punk-Video
Revolution-909

 

Das Video zu Revolution 909, einem Track von Daft Punks erstem Album "Homework", argumentiert und kommuniziert über filmische Stile und Genres hinweg und verweigert dabei konsequent eine eigene Stellungnahme zu dem darin gezeigten. Das Video verharrt an der Oberfläche von Ursache und Wirkung eines Tomatensoßen-Flecks, erreicht aber gerade in diesem Verharren bis hin ins Mikroskopische abwegige Zusammenhänge und damit Geschlossenheit.

der Star: Roland 909


 
Wie in vielen anderen Videos Ende der 90er ist ein souveräner Umgang mit angeeigneten Techniken und Stilen sowie ein starker Bezug zum Medium und der Materialisierung seiner Inhalte zu beobachten. Das Video stellt schon über seinem Titel einen Bezug zu der Technologie her, mit der seine musikalische Komponente erzeugt wurde: Der Synthesizer Roland 909 ist das Instrument der Technomusiker, das eine fast mythische Aura besitzt.
 

   

ein harmloser roter Fleck

Der eigentliche Plot, der in diesem streng narrativen Video in einer zirkulären Struktur erzählt wird, handelt von einer Polizeirazzia im mit Versatzstücken des Technoundergrounds inszenierten Umfeld eines Clubs. Ein Polizist fragt dabei ein Mädchen offenbar nach ihrem Ausweis, als sie einen roten Fleck, dessen Herkunft zunächst rätselhaft bleibt am Halsausschnitt seines T-Shirts bemerkt. Mit ihrem Blick und der darauf folgenden Großaufnahme des Flecks wird in der einleitenden Wiedergabe der Szene zunächst eine in ihrer linearen Normalität absurde Rückblende gestartet, die den Mittelteil des Videos bildet.
 



 
   

die Tomatensoßen-Story

Die Geschichte der Tomatensoße, die den Fleck verursachte, wird über Wachstum, Ernte, Versand, Verkauf und Zubereitung der Tomaten in einer mehrfach medial vermittelten Erzählweise und in unterschiedlichen Fiktionalitätsebenen geschildert: Zunächst wird im Stile von Lehrfilmen für den Schulunterricht das Keimen und Reifen von Tomaten im Zeitraffer, die maschinelle Ernte und der Transport vom Feld zum Supermarkt gezeigt, zum Teil aus der Perspektive der Tomaten. Einige werden dort von einer älteren Dame, offensichtlich der Mutter des Polizisten, gekauft.
 


 
   

Kochen leicht gemacht

Als nächstens wird im Stile einer Mittelstands-Kochsendung im Fernsehen und unter Verwendung von rezeptartigen Anweisungen in Untertiteln die Zubereitung der Tomatensoße Schritt für Schritt geschildert. Eine statische Kamera schildert dieses Geschehen mit nüchternen Nahaufnahmen und einer chronologischen Dokumentierung die einzelnen Arbeitsschritte. Die fertige Sauce wird dann von der Frau zusammen mit Spaghetti in die unvermeidliche Tupperdose verpackt und in einer Tüte bereitgestellt.
 


 
   

Zwischenmahlzeit

Die Überblendung der Tüte vom Kontext der Küche auf die Rückbank des Polizeiautos führt zurück zur Rahmenhandlung. Es ist die Zeit kurz vor der Razzia. Der Polizist, der später das Mädchen ansprechen wird, verspeist seine Mahlzeit, wird jedoch durch einen Einsatzbefehl per Funk darin unterbrochen und bekleckert sich im Zuge des hektischen Aufbruchs zu dem Club. Es folgt einer turbulenten Verfolgungsjagd inszeniert mit einem Hauch Independent-Authentizität. Dies steht im Gegensatz zu den mit eher zurückhaltenden formalen Mitteln konstruierten Szenen in der Rückblende.
 


 

 
   

zurück zum Anfang

Es kommt zu einer Wiederholung der Szene zwischen dem Polizisten und dem Mädchen bis zu ihrem Blick auf den Fleck. Nur folgt diesmal keine Großaufnahme von diesem, nachdem in der einleitenden Darstellung der Rückblick folgte, sondern es wird gezeigt, wie der Polizist nun selbst auf den Fleck blickt, wie das Mädchen diesen Moment nutzen und mit Hilfe eines anderen Jugendlichen entkommen kann. In dieser Wiederholung und Fortsetzung der Sequenz wird deutlich, dass die Aufmerksamkeit des Polizisten erst durch den Blick des Mädchens auf den Fleck auf diesen gelenkt wurde.
 


 

 
 
 
   

im Rhythmus des Tomatenflecks

Der Rhythmus ist im Moment des ersten Blicks des Mädchen auf den Fleck auf eine leise Beckenfigur reduziert und entfaltet sich erst während des Tomaten-Lehrfilms in seiner ganzen Dynamik, die mit den organischen und fließenden Bewegungen der Tomaten im Zeitraffer, sowie der Erntemaschinen und Sortierbänder korrespondiert. Dies schafft suggestiv eine initial-kausale Verbindung zwischen dem Blick auf den Fleck und der Rückblende. Ebenso ist in dem Moment, als der folgenreiche Fleck entsteht, nur ein Basslauf zu hören und das Stück setzt erst wieder mit voller Kraft ein, als der Polizeiwagen in die Gasse einbiegt und der Tumult einer Razzia losbricht.
 


 
   

keine Stars nur banale Flecken

"Revolution 909" enthält keinerlei Performanceteile oder ein Sich-Inszenieren der Künstler, was typisch für Videos aus dem Bereich Techno/ House ist. Es wird vielmehr gezeigt, wie ein Mensch mitsamt seiner Verstrickung in reale, ausufernde Zusammenhänge, so banal diese auch sein mögen, in einen anderen Kontext eindringt.

Entstehungsgeschichte statt Zufall

Die formal strenge Geschichte, deren verschiedene ästhetische Ausformungen durch die Kausalität und die Elemente Tomaten und Tomatensoße miteinander verbunden sind, widersetzt sich der heterogenen Ausarbeitung des Zufälligen, wie sie in Videoclips normalerweise praktiziert werden. Der Clip gibt sich organisch. Das für Musikvideos typische, durch Montage entstehende und beabsichtigte Zerreißen der Zeitkontinuität wird durch eine streng linear erzählte Geschichte ironisiert. Diese Geschichte führt durch die Kontinuitäten innerhalb der verschiedenen, miteinander verknüpften Filmarten zu einer großen absurden Kontinuität des Soßenflecks. Dabei fungieren die Tomaten weder symbolisch noch metaphorisch. Sie sind das, als was sie die jeweilige Darstellung erscheinen lässt: Naturobjekte, Waren, Zutaten, die verarbeitet werden - Nahrungsmittel eben.

Breakdance vs. Tomate

Nur der inszenierte Underground wird nicht organisch erklärt und statt dessen situativ beschrieben. Die Flucht und das Aufgreifen durch die Polizei ist clipgemäß durchästhetisiert, kommt in manchen Szenen Breakdance nahe und bedient sich der hippen Coolness, von der Polizei verfolgt zu werden und somit illegal zu sein. Der Gegensatz besteht in der Lebenswelt einer Subkultur, die situativ, mit hektischer Kamera und schnellen Schnitten beschrieben ist und der Lebenswelt des Polizisten, die linear, medial vermittelt ist, in der alles seinen Grund und seine Ursache hat: Die Tomate im Supermarkt wie auch er als Sohn einer Mutter, die immer noch für ihn kocht, was aus der Sicht von Jugendlichen, die gerade versuchen, vom Elternhaus unabhängig zu werden, eine Herabwürdigung ist.

Zufallsassoziationen

In für Musikvideos bezeichnender Weise ist die Rückblende nicht angekündigt und scheinbar ohne eigentliche Auswirkung auf die erzählte Geschichte. Sie ist ebenso zufällig, wie der gesamte Vorfall zwischen dem Mädchen und dem Polizisten. Die Rückblende kann als eine Assoziationssequenz des Mädchens betrachtet werden. Diese Perspektive wird gespeißt, dass sich die Rückblende im Anschluss einer Kameraeinstellung die explizit das Gesichtsfeld des Mädchen wiedergibt, entwickelt. Dieser Blick des Mädchens auf den Kragen des Polizisten ist mit einem Zoom darauf verbunden, der eine konzentrierte Wahrnehmung und Reflexion des Ursprungs des Flecks suggeriert.

Tomatenphantasien

Das Subkultur-Mädchen hat die visuellen Codes filmischer Darstellungsweisen gespeichert und wendet sie an, um den Fleck zu erklären und den Polizisten zu charakterisieren. In diesem Zusammenhang verweist die nichtrationale Gleichsetzung des Flecks mit der Einschätzung des Polizisten in Kombination mit einer spontanen, mitreissenden Assoziationsfähigkeit auf den Gebrauch von stimulierenden oder halluzinogenen Drogen durch das Mädchen hin. Auch die müde, entspannte Art ihres Blicks deutet dies an.

coole Entlarvung

Vermittelt über eine narrative Struktur kommt es so zu einer Übereinstimmung zwischen Formalem und Inhaltlichem, Medialem und Mentalem. Das Mädchen erweist sich als cool. Sie macht automatisch das Richtige, entlarvt den Polizisten mit ihrem Blick, hinter dem die Assoziationsfolge steht und die diesen allein durch die Art ihrer medialen Konstruktion lächerlich erscheinen lässt. Diese Lächerlichkeit wird durch das autoritäres Auftreten des Polizisten noch verstärkt und gibt dem Mädchen das Selbstbewusstsein, den vernichtenden Blick auf den Fleck solange auszuhalten, bis der Polizist selbst dort hinblickt und ihr die Flucht ermöglicht.

Freud'sche Tomaten

In dieser Schlussszene, in der sich klärt, warum die Chronologie von den Tomaten zur Tomatensoße zum Fleck erzählt wird, kommt in der Fokussierung auf die Blicke der beiden Protagonisten ein psychologisches Moment, letztlich die schwache Stelle des Polizisten, zum Ausdruck, die im Sinne der Entwicklungs- und Wachstumskette "Keimende Tomatenpflanze - Tomate - Tomatensoße - Essen - Mutter - Sohn" aus einer quasi-ödipalen Struktur herstammt.

- Daft Punk. "Revolution 909". 1997. - Video
- Erstaustrahlung: 20.02.1997 / 14:35 Uhr / MTV

 


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