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Liebling Kreuzberg


Printversion

Infos zur AutorinInfos zur AutorinSven Regener, Sänger und Texter von "Element of Crime", textet nun auch in Romanlänge. Das rote Büchlein wurde zum Liebling der Bewohner von Kreuzberg, die endlich das Buch zur Szene gefunden haben. Nach einer langen Durststrecke durch die ersten 100 Seiten des Romans bestätigt sich: Kreuzberger Nächte sind lang. Aber dann.
 


Offizielle Website
von Element of Crime

 

Iris Radisch verschmähte den Roman im Literarischen Quartett als beschränkten Kiezroman. Das Urteil des Gastkritikers war leider aufgrund seines Sprachfehlers nicht zu verstehen. Das Buch brachte Karasek zum Weinen, gerührt glaubt er, ein kleines Wunder in den Händen zu halten. Marcel Reich-Ranicki hat nach 100 Seiten Langeweile gar schallend gelacht: Der Mann habe Humor und, wir ahnen es, Taläänt. Ein Buch powered by emotion, so scheint es. Bei solchen Gefühlsausbrüchen der alten Herren ist ein Buch-Check angebracht. An einem Sonntag im Freibad und getrieben von der Frage, bei welchem Satz Papst Marcel wohl zum ersten Mal gelacht hat.
 

   

Köter und Kneipe

Es ist 1989. Frank Lehmann steht kurz vor seinem 30. Geburtstag und wird neuerdings von allen nur noch Herr Lehmann genannt. Wenn der Morgen graut, schlappt er mit dollem Kopp über den Lausitzer Platz nach Hause. Da steht vor ihm ein wurstförmiger Hund. Ein Killerhund, ohne Frage. Der Höllenhund jagt Herrn Lehmann einen Heidenschreck ein. Wo ist die Flasche, die uns wärmt: Mit der Schnapsflasche aus seine Manteltasche füllt er den Kläffhund ab. Dem Tod von der Schippe gesprungen, wartet sogleich die nächste Katastrophe auf ihn. Die Eltern aus Bremen kündigen ihren Besuch an. In seiner Kneipe bandelt Herr Lehmann mit Katrin, der schönen Köchin, an und verabredet sich mit ihr zum Schwimmen im Prinzenbad. Viele Flaschen Becks und eine Flasche Fanta später wird Herr Lehmann von Katrin betrogen. Sein bester Freund Karl dreht durch. Der Normalo Herr Lehmann, der nie aus Kreuzberg 36 raus geht, denkt an Urlaub auf Bali, hat Geburtstag und die Mauer geht auf.
 


 
 

Element of Crime-
Sänger Sven Regener
textet jetzt auch Bücher
   

Psycho, 1989

Nach wirren Unterhaltungen mit dem psychotischen Karl kommt ans Tageslicht: Die Kneipen-Gespräche sind auch nicht "normaler" als der Unsinn, den man mit Karl reden kann. Was heißt übergeschnappt sein, Quatsch reden, spinnen, etwas seltsam sein, ein bisschen plemplem sein? Aus der Bahn geworfen wurde er durch die enttäuschte Liebesbeziehung mit Katrin. Langsam geht Herrn Lehmann Kreuzberg mit seinem dummen Geschwätz und dem belanglosen Scheiß auf die Nerven. Die Krankheit seines Freundes bringt den trägen Herr Lehmann dazu, sich zu bewegen: Man sollte mal woanders hingehen, man sollte mal verreisen.
 

 
   

Im Prinzenbad geht der Punk ab

Die gerühmten "wunderbaren, glänzenden Dialoge" lassen auf sich warten. Das Telefongespräch mit der Mutter zu Beginn jedenfalls ist grässlich, jeder Satz aus der Nullachtfuffzehn-Kiste gezogen. Ist diese Plattheit Programm, um Herrn Lehmann zu beschreiben? Herr Lehmann charakterisiert sich schamlos durch sein dummes Sinnieren über die Semantik von "Frühstück" und "Lebensinhalt". Okay, zumindest ist das hier alles andere als Pop-Literatur à la Livealbum. Herr Lehmann ist so aufregend wie Bischof Karl Lehmann, zwar nicht langweilig, nur ebenso erfrischend simpel. Umso verwunderlicher ist dann die Wende, die der Roman nach 100 Seiten erfährt. Zwar hat das Buch nur 298, doch mit dem Kapitel im Prinzenbad kommt der Drive.



   
   

Fazit

In "Herr Lehmann" einzusteigen lohnt sich nicht wegen Herrn Lehmanns platten Gedanken oder dem wie-du-und-ich-Elternbesuch, sondern wegen Karl. Wie sich der geniale Schrott-Schweiß-Skulpturen-Künstler Karl in den Wahnsinn flüchtet und wie den Normalo Lehmann ausbrechen lässt, ist klug eingefädelt. Schade, dass Regener das erst zum Schluss serviert. Aber: Im Zweifel für den Angeklagten.  
 
-- Sven Regener: Herr Lehmann. Eichborn, 297 Seiten, 36 Mark (gebundene Ausgabe)


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Jutta Edinger
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