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D'oh! / Nein!
Scheitern als Methode


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Sehr erfolgreich füttern und kritisieren "Die Simpsons" die Kulturindustrie schon über zwölf Jahre. JavaJim sprach mit Andreas Rauscher, Autor und Herausgeber des Buches "Die Simpsons: Subversion zur Prime Time", über Subversion, Bürgerlichkeit und Michel von Lönneberga.
 



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Springfield-Karte



 

Propagieren die Simpsons nicht ein nostalgisches, bürgerlich-konservatives Familienbild?
 
Die Simpsons propagieren dieses Familienbild nicht, sondern abstrahieren es vielmehr, indem sie es diskursiv verhandeln und satirisch demontieren. Auch wenn die Rollenverteilung auf den ersten Blick dem Personal einer klassischen Familienserie entspricht, stehen immer wieder die temporären Brüche und das Scheitern an tradierten Rollenmustern im Mittelpunkt.
 


 
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die Fragen stellte:
Timo Wirth

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Auf welche Weise sind die Simpsons subversiv?
 
Wir haben unseren Reader "Subversion zur Prime Time" genannt, weil die Simpsons im Mainstream-Format Themen verhandeln, die in uncodierter Form gar nicht erst in der Prime Time auftauchen würden. In der Serie wurden in den letzten zwölf Jahren sowohl gesellschaftspolitische Themen wie Immigrationspolitik (zahlreiche Plots um den indischen Supermarktbetreiber Apu), Waffengesetzgebung, politische Mythen (der Komplex um den Stadtgründer Jebediah Springfield) und Genderrollen, als auch sämtliche Bereiche der Kulturindustrie (vom hauseigenen Trash-Star Troy McClure und Krusty dem Clown bis hin zu den Auftritten real existierender Prominenter) auf unterhaltsame und komplexe Weise verhandelt.
 
Auf der ersten Ebene sind die Simpsons gut als originelle Cartoon-Serie konsumierbar, auf einer weiteren handeln sie jedoch explizit von gesellschaftlichen Mechanismen und zeigen wie mediale Mythen konstruiert werden. Die Simpsons erklären wie politischer Populismus funktioniert (z.B. durch die Figur des korrupten Bürgermeisters Diamond Joe Quimby, der mit dem Slogan "If you were running for mayor, he would vote for you" zur Wahl antritt). Sie geben aber auch umfassende Einführungen in Sachen Filmgeschichte und Popkultur. Wenn bei den Simpsons ein Film- oder Popstar auftritt, geht es dabei in den besten Fällen auch immer um dessen reale Rezeption oder seine ganze Rollengeschichte. Wenn bei den zahlreichen Anspielungen auf andere Filme und Serien z. B. Hitchcock zitiert wird, bleibt es nicht beim einfachen Zitat. Es wird auch dazu erklärt, um beim Beispiel Hitchcock zu bleiben, wie dieser Suspense erzeugte, indem ganze Einstellungen aus dessen Film "Die Vögel" übernommen werden. Die Simpsons vermitteln dieses Wissen jedoch nicht auf elitäre, sondern auf allgemein verständliche und zugängliche Weise.

Was unterscheidet die Simpsons von anderen Fernsehfamilien wie den Wicherts oder den Beimers?
 
Sie sind wie Bart notfalls "Underachievers and proud of it" und widersetzen sich auf diese Weise erfolgreich den Klischees von der intakten Kernfamilie. Im Gegensatz zur simulierten Natürlichkeit der Waltons, die der ehemalige Präsident Bush den Simpsons vorzog, und ihrer Epigonen spielt die Medialisierung dieser Familienmodelle bei den Simpsons immer eine zentrale Rolle.

Was finden Sie persönlich so faszinierend an den Simpsons?
 
Faszinierend erscheint mir daran, dass mit einigen Abstrichen das Konzept der Simpsons nach zwölf Jahren immer noch funktioniert. Die Serie hat sich von einer einfachen animierten Family-Sitcom zu einem Cartoon-Versuchslabor entwickelt, in das sämtliche gesellschaftliche und mediale Kontexte integriert werden können, ohne dabei übermäßig forciert zu wirken. Das Ergebnis ist eine eigene Form von Cartoon-Realismus, der Aufklärung unter den Bedingungen der Kulturindustrie betreibt.

Welches ist Ihre Lieblingsfolge?
 
Lässt sich eigentlich nicht auf eine reduzieren. Zu den besten Folgen gehören auf alle Fälle die "22 Short Films About Springfield" / "22 Kurzfilme über Springfield", die von einer originellen Parodie auf "Pulp Fiction" bis hin zu einem Schnelldurchlauf durch die skurrilen Mikrokosmen der zahlreichen Nebenfiguren die unterschiedlichsten Elemente der Serie in einer Folge vereinen.

Welche Bedeutung haben Star-Auftritte bei den Simpsons?
 
Die Gastauftritte (darunter einige von Ex-Prominenten, die ihren Starstatus schon lange hinter sich gelassen haben) übernehmen die unterschiedlichsten Funktionen bei den Simpsons. Sie reichen vom Sehnen nach den 15 Minuten Ruhm (Luke Skywalker-Darsteller Mark Hamill, der gemeinsam mit Alf über die Science Fiction-Conventions in der Provinz tingelt oder Leonard Nimoy, der dem Image des Mr. Spock nicht entkommen kann) bis hin zu reinen Celebrity-Cameos (Mel Gibson, Britney Spears).
 
Die Gastauftritte gelingen immer dann am besten, wenn sie alltäglich-absurd erscheinen (der Künstler Jasper Johns stiehlt auf einer Vernissage von Homer Simpson Materialien für seine nächsten Arbeiten), die gängigen Mythen um Stars ins Visier nehmen (Michael Jackson, der sich als übergewichtiger weißer Bauarbeiter aus Brooklyn entpuppt, aber mit der Stimme des echten Michael Jackson spricht) oder die für die Simpsons programmatische "Sympathy for the Second Best" realisieren (wie in dem Gastauftritt des als Solokünstler nicht besonders erfolgreichen Ex-Beatle Ringo Starr, der in England immer noch damit beschäftigt ist die Fan-Post aus den 60ern zu beantworten).

Sind die Simpsons in den letzten Staffeln nicht zur Hollywood-Personality-Show geworden in der Springfield, die Familie und die Gesellschaftskritik weniger Bedeutung haben?
 
Auf Episoden wie "Beyond Blunderdome" / "Mit Mel Gibson in Hollywood" und "When You Dish Upon A Star" / "Kennst Du berühmte Stars?" (mit Kim Basinger und Alec Baldwin) trifft dies mit Sicherheit zu. Die Auftritte von Gibson, Basinger und Baldwin dienten als nicht sonderlich originelle Star-Vehikel, die nur darauf hinausliefen, dass eine Celebrity (Homer S.) auf eine andere trifft.

Wieso konnte der geistig minderbemittelte Homer Simpsons einen solchen Kult-Status erlangen?
 
Homer ist nicht geistig minderbemittelt. Eigentlich ist er ein hedonistischer Alt-68er (wie in einigen der Rückblenden und in der Hintergrundgeschichte seiner Mutter Mona Simpson angedeutet wird), der mit dem postmodernen Alltag konfrontiert wird. Nur einige der neueren Folgen machen ihn zum hysterischen Stehaufmännchen in der Tradition der Warner-Cartoons. Diese Strategie funktioniert zwar hervorragend bei Daffy Duck oder teilweise auch bei South Park, wenn Kenny in jeder Folge erneut stirbt, aber bei den Simpsons geht es ziemlich daneben, da der Serienalltag in Springfield dafür mittlerweile zu komplex angelegt ist.

Ist Homer - seit seine Popularität zugenommen hat - weniger komplex also einfach dümmer und stereotyper geworden?
 
Homer ist als wandelnde Dekonstruktionsmaschine immer nur so komplex, wie die Plots mit denen er konfrontiert wird. Wenn er auf George Bush, Geheimgesellschaften oder die NRA trifft, oder in eine Sinnkrise wegen seines Widergängers, dem japanischen Meister Propper Mr. Sparkle gerät, leistet seine Figur durch den Hang zur Überaffirmation vorbildliche Arbeit in Sachen postmoderner Aufklärung über die Mythen des Alltags. Doch in neueren Folgen wie der grottenschlechten Episode "Homer v.s. Dignity" / "Homer und das Geschenk der Würde" wird Homer häufig zur einfallslosen Karikatur seiner eigenen Rollengeschichte. Gerade wenn sich im Verlauf der Serie schon mehrfach eingesetzte Standardsituationen wiederholen, gerät die Charakterzeichnung leicht zur gelangweilten Routine. Es gibt aber immer noch vielversprechende Ausnahmen wie Homer als Website-Betreiber, der plötzlich in eine Parodie der surrealen britischen TV-Serie "Prisoner 6" gerät.

Wenn man die Serie Simpsons über zwölf Jahre hinweg betrachtet, was hat sich Ihrer Meinung verändert (verbessert/ verschlechtert)?
 
Ihre interessanteste Phase hatten die Simpsons Mitte bis Ende der 90er Jahre. In dieser Zeit kombinierten sie sehr geschickt Medien- und Gesellschaftskritik mit dem cartoon-realistischen Alltag in Springfield, das durch die geschickte Integration von Gastauftritten zu einem sehr präzisen satirischen Spiegelbild der Gegenwart der 90er wurde. In der meiner Meinung nach häufig etwas zu romantisch verklärten Anfangsphase folgten die Simpsons noch den Konventionen einer traditionellen Family-Sitcom. Erst in der Zeit um die dritte Staffel (1991/92) wurden sie zum Cartoon-Versuchslabor für Popkultur, Tagesgeschehen und Mediengeschichte. Seit der 11.Staffel (1999) leben sie jedoch häufig vom eigenen Mythos. Es entstehen dabei zwar immer noch einige exzellente Folgen wie die an eine VH1-Serie angelehnte Fake-Dokumentation "Behind the Laughter" / "Hinter den Lachern", aber insgesamt wirkt die Serie momentan konventioneller als in den Staffeln 5-10.
 
Vermutlich hat die mittlerweile von Folge zu Folge stark variierende Qualität der Simpsons auch mit den Drehbüchern und einem Wechsel der Autoren zu tun, denn die zweite Groening-Serie Futurama verfügt momentan über fast alle Merkmale, die die Simpsons in ihrer besten Zeit ausmachten. Dort funktionieren sowohl die Gastauftritte (Das Szenario mit Al Gore, der mit Nichelle Nichols aus Star Trek, dem Physiker Stephen Hawking und dem Futurama-Pizzaboten Fry bis in alle Ewigkeiten Dungeons and Dragons spielen muss, weil das Universum sich aufgelöst hat, hat surreale Qualitäten), als auch die Politsatire (Richard Nixon wird auf Grund mäßiger Wahlbeteiligung erneut zum Präsidenten der USA).

Ist Bart Simpsons der Michel aus Lönneberga der 90er und welche Funktion erfüllt er?
 
Bart war in den frühen 90ern das Aushängeschild der Simpsons (sowohl in der Konstruktion der Handlung, als auch in der Vermarktung - z.B. die Single "Do the Bartman"). Im Verlauf der späteren Staffeln konzentrierte sich die Serie jedoch zunehmend auf Homer. Heute bedient Bart ein bestimmtes Segment des Simpsons-Publikums. Mit den neu gestarteten Bart Simpson-Comics konzentriert man sich überwiegend auf ein jüngeres Publikum.
 
Die "Underachiever and proud of it"-Routine ist zwar immer noch ein wichtiger Bestandteil der Simpsons, aber spätestens seit South Park erscheint sie vergleichsweise harmlos. Diese Entwicklung wird auch in den neueren Folgen der Serie selbst thematisiert. Es erscheint fast tragikomisch, wenn in der Episode "Bart to the Future" / "Barts Blick in die Zukunft" sich Bart bei einem Schamanen erkundigt, weshalb in der Prophezeiung seiner Zukunft Homer eine wichtigere Rolle als er selbst spiele, und er darauf die Antwort erhält, dass er nicht populär genug sei, um eine ganze Folge alleine zu tragen.


 
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Die Simpsons:
Subversion zur Prime Time
Interessantes, gut les-
bares Buch über ein
wichtiges Stück PopCulture.
Die Kapitel decken ein sehr
breites und spannendes
Spektrum ab.
Bei der Analyse orientieren
sich die Autoren leider
mehr an moderner deutscher
Literaturkritik als an den britischen
Cultural Studies. Mit tiefergehenden
Theorien zu Popular Culture wäre das
Buch noch besser.   
Rauscher et al (Hg.). Die Simpsons:
Subversion zur Prime Time. Schüren, 2001.
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