{die Zentrale}    
 
 
 

{zurück zur Übersicht}    







 
   

Die Kitsch-Ritter


Printversion

Infos zum AutorInfos zum Autor Weihnachten heute: Harmoniesucht, übersteigerte Spiritualität und kommerzielle Romantik. Die Simpsons gehen postmodern kritisch dagegen an. Sie kämpfen mit ihrem Zynismusschwert und eliminieren das Pseudo-Getue. Doch das Befreite entpuppt sich natürlich als Medien-Kitsch.
 

 

 

- Die Simpsons Folge 1: "Es weihnachtet schwer"
 
Flanders, dieser alte Sack, hat wieder einmal die größere, penetrantere und vor allem coolere Weihnachtsbeleuchtung. Der arme Homer müht sich ab und versucht, seiner Familie mit beschränkten Mitteln (und seinem beschränkten Geist) eine gesegnete Festdekoration zu zimmern - mit mäßigem Erfolg. Und das obwohl doch - so heißt es - Weihnachten die große Chance für alle Benachteiligten ist, die für ihr gutes Inneres belohnt werden. Neeiin! Spießbürger Flanders ist besser. Zu Homers Unglück ist sogar Lisa von Flanders animierter Hoho-Deko absolut hingerissen. Es kommt noch schlimmer: Homer bekommt kein Weihnachtsgeld und Marge muss das Geldglas leeren, um Barts coole Tätowierung weglasern zu lassen.
 

   

Der Auftrag ist Kritik

Doch die Simpsons jammern nicht, sie betreiben postmodern unterhaltsame Gesellschaftskritik. Die wahre, medienunverblendete Sehnsucht soll gesucht werden. Es geht um das innere Bedürfnis nach Harmonie. Die Simpsons jagen dem ursprünglichen Weihnachtsgedanken nach. Um ihn zu finden, muss erst die Falschheit des bürgerlichen Weihnachtsmythos entlarvt werden.
 

 
   

nun weihnachtet es schwer

Die Macht der Simpsons liegt jedoch nicht im erhobenen Zeigefinger oder in linker Moral, sondern in der geballten Vorführung von weihnachtlichen Ritualen und der Überzeichnung von Weihnachtsmythen. Weihnachtliche Mythen werden durch die sinnliche Überhöhung sinnlos gemacht. Typische Weihnachtsfernsehwunder werden entkräftet. Der als Weihnachtsmann schuftende Homer wird abgezockt und erhält für seine harte und ehrliche Arbeit nur dreizehn Dollar Lohn. Nun schlägt die Stunde der Wahrheit: Der potentielle Wunderhund mit Namen Knecht Ruprecht soll im Hunderennen das Weihnachtswunder sein. Denn eines hat Bart vom Fernsehen gelernt, "dass an Weihnachten immer Wunder passieren." Doch der potentielle Wunderhund entpuppt sich als lahme Ente. Er bricht unter seinem bedeutungsschweren Namen zusammen und Homer verliert sein letztes hartverdientes Geld. Bart und Homer warten vergeblich auf den Weihnachtsschmalz und Bart fühlt sich vom Fernsehen "irgendwie verarscht." Nun liegt Weihnachten entblößt und dekonstruiert da.
 

 
   

no real Xmas

Was nun zum Vorschein kommt, sind allerdings nicht die weihnachtlichen Ur-Gefühle. Sondern ein von Intertextualitäten und Weihnachtsmythen verlassener Bart und Homer. Die Simpsons zeigen: Es gibt keine wahre, reine Weihnachtskultur. Weihnachten ist vielmehr ein kitschiger und kreativer Mythos, den Homer und Bart in ihrer Not und in ihrem sinnlosen Durchwühlen von weggeworfenen Wettscheinen in Form des fortgejagten Loserhundes Knecht Ruprecht wiederentdecken. Der Loser-Hund wird sie später aus ihrer orientierungslosen Lethargie befreien und sich als simpsonseigene Weihnachtsüberraschung entpuppen.
 

 
   

paradoxer Kitsch

Alle selbstreflexiven Weihnachtskultur- und Medienanspielungen sind zur Strecke gebracht. Durch diese Dekonstruktion und Verkitschung wird es den Simpsons und den Zuschauern wieder möglich, Weihnachten mit persönlichen Werten anzueignen. "Nur durch die Produktivität der populären Leser und durch ihre relevante Einsetzung ins Alltagsleben eben dieser Leser" […] wird Weihnachten "fertiggestellt" (Fiske 2000: 61). Der kreative Prozess der Fertigstellung ist aber auch wieder durchdrungen von Nostalgie, Medienmythen und Kommerz. Weihnachten wird aus Fetzen der Elektrokultur genäht. Der einzige Weg zur besinnlichen Weihnacht besteht also darin - genau wie die Simpsons es tun - auf der komplexen Oberfläche der Kommerzwelle selbstbestimmt zu surfen.
 

 
   

der Kitsch schlägt zurück

Homer und Bart kommen schließlich viel zu spät am Heiligen Abend ins traute Heim zurück - ohne Geschenke. Sie haben den Weihnachtsabend zerstört. Statt Lisas sehnlichst gewünschtem Pony haben sie den ihnen zugelaufen Loser-Hund dabei. Dieser Anti-Star passt aber viel besser in die Familienkultur der Simpsons als jedes Pony. Und so wird auch für die Simpsons alles gut. Lisa hat sich doch plötzlich nichts sehnlicher gewünscht als einen Hund. Oh du gnadenbringende Simpsonszeit! Alles ist verziehen, alle sind froh und gerührt, sogar die bösen Schwestern von Marge. Kitschiger Weihnachtsschmalz eben. Mission erfüllt.


...................................
Timo Wirth
...................................
   

Literatur zum Thema:
-- Fiske, John. 1999. "Populäre Urteilskraft". In: Göttlich, Udo; Winter,Rainer (Hg). 2000. Politik des Vergnügens. Köln: Halem.
-- Gruteser, Michael; Klein, Thomas; Rauscher, Andreas (Hg). 2001. Die Simpsons. Subversion zur Prime-Time. Marberg: Schüren.
-- O´Sullivan, Tim et al. 1996. Key Concepts in Communication and Cultural Studies. London: Routledge.