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World Wide Home


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Infos zum AutorInfos zum Autor Seitdem es das Netz gibt, gibt es sie: Private Homepages. Auch die Kommerzialisierung und Professionalisierung des Webs kann den blinkenden Kurts, Lisas und Andys nichts anhaben. Die Baustellenschilder und Besucherzähler sind nicht zu verdrängen, ganz im Gegenteil.
 


Background zu Homepages:
Gauntlett: Webstudies
Homepage-Studie:
Writing Oneself in Cyperspace

 

Mit privaten Homepages ist im Internet eine neues Kommunikationsgenre für den Normalbürger entstanden. Ohne viel Aufwand und Spezialwissen kann er sich nun weltweit präsentieren - das Ich in neuer Form auf dekorativem Wallpaper und zwischen Horizontal Rules.
 

   

virtuelles & multimediales Poesiealbum

Früher war die Selbstpräsentation auf die eigenen vier Wände oder das Poesiealbum beschränkt. Dies bedeutete eine extreme lokale Begrenztheit. Die Cyber-Variante des Poesiealbums kann viel mehr: Heute kann man nun der ganzen Welt durch ein virtuelles Guckloch einen Einblick in seinen persönlichen Raum gewähren. Es werden Vorlieben, Freunde, Hobbys, Lieblingslinks und die Fotos der Familie samt Katze präsentiert. Neben diesen personenbezogen Inhalten findet der Besucher häufig auch jede Menge Nutzwert. In mühevoller Arbeit werden liebevoll detaillierte Infos über Britney Spears, Lanzarote, Golfen oder die "drei ???" kostenlos bereitgestellt. Die Inhalte und vor allem die Darstellungsform einer Homepage ermöglichen es, gezielt selbstgewählte Aspekte einer Person zu betonen.
 


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Timo Wirth
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unerschöpflicher & weltweiter Baukasten

Für die Darstellung einer Person mittels Homepage haben sich mittlerweile ganz bestimmte Formen herausgebildet. Der virtuelle Raum wird zuerst mit einer virtuellen Tapete beklebt. Die Designs sind unendlich und charakterisieren den Besitzer der Homepage. Der Raum wird dann genau wie im Real Life mit liebevollen Kleinigkeiten angefüllt: statt Poster gibt's animierte Tierchen, statt Stereoanlage die selbstdesignte Flash-Animation. Einen besonderen Platz nimmt das Gästebuch ein, denn dieses zeigt den Grad der Beliebtheit und Bekanntheit. Von besonderer Bedeutung ist hier das Konzept der Bricolage. Eine Homepage ist ein kreatives Potpourri von Texten, die aus dem unendlichen Baukasten Internet entnommen sind: Skripte werden kopiert, Gästebücher geliehen, Bilder von anderen Sites heruntergenommen, Sounds kopiert und Icons, Animation und Wallpapers von speziellen Archiven übernommen. Die persönliche Aneignung und Umdeutung schafft - ergänzt durch eigenes Material - ein neues, bedeutungsgeladenes Gebilde. Nach einer kurzen Phase der Gleichheit aller Homepage-Besitzer (aufgrund der Eingeschränktheit von HTML und der Browser) gibt es mittlerweile durch JavaScript, DHTML und vor allem Flash Distinktionsmöglichkeiten, um sich von der Masse der Hobbybastler abzuheben.
 


 
   

Identitäten mit Frontpage

Die Art und Weise der Präsentation und die Wahl der Dinge auf der Site kommunizieren die Identität des Homepage-Machers. Durch Web-Editoren und einen riesigen Pool von Materialien kann sich jeder im Web kinderleicht kreieren. Die Darstellung erfolgt unabhängig von anderen sozialen Agenten und kann so überlegt erfolgen, da kein sofortiges, direktes soziales Zusammentreffen stattfindet (welches spontanes und manchmal unüberlegtes Handeln erfordert). Mit einer Homepage designt sich der Mensch virtuell für die Öffentlichkeit. Allerdings ist diese Darstellung des Selbst keine Reflektion, sondern eine Neukonstruktion der Person fürs Netz. Es wird nicht nur Material benutzt, kopiert und verändert, sondern eine virtuelle Identität geformt, welche mit der Offline-Identität verknüpft ist und diese deshalb mitverändert.
 


 
   

Fazit 1: neues virtuelles Spießertum

Das Internet beschert jedem Bürger sein virtuelles Heim, welches dem Spieltrieb und der Ordnungsliebe gleichermaßen nachkommt. So wird aus dem Familientürschild aus Ton ein animiertes 3D-Home-Logo und die "Herzlich Willkommen"-Fußmatte zum Besucherzähler. Wer was auf sich hält, macht den häuslichen Urlaubs-Diavortrag nun auch digital der Weltöffentlichkeit zugänglich.
 

 
   

Fazit 2: neues soziales Selbstverständnis

Durch die Kreation einer Homepage kommt es zur Aufwertung der eigenen Identität. Man beschäftigt sich mit sich selbst und denkt über die eigenen Rollen nach. Daneben steigert die Möglichkeit des fast kostenlosen Publizierens ohne Spezialwissen das Mitwirken an der öffentlichen Meinungsbildung. Medieneliten können privatorganisierte Konkurrenz bekommen. So kann ein Homepage-Webring zu Futurama besser informieren als ein Artikel im Spiegel.
 


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weiteres zu Homepages:
 Fragen an Homepage-Betreiber
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