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Auf der TV-Couch


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Infos zur AutorinInfos zur AutorinNach Richterin Salesch und Richter Hold hält seit November 2001 auch der Berufsstand der Psychologen Einzug ins Nachmittagsprogramm: Bei "Zwei bei Kallwass" regiert Diplom-Psychologin Kallwass. Dort sind am Ende alle Fragen offen, hier gibt es ein starkes Urteil.
 


Kallwass-Site

 

Einst schrieb man einen Brief an Alexander Borell, der im Radio verlesen wurde ("Ich habe ein Problem"), später rief man Brigitte Lämmle im Südwestfernsehen an ("Lämmle live"), heute geht man zu Kallwass ins Studio und bringt den Sorgen bereitenden Menschen gleich mit. Kein teuerer Analytiker, der zehn Jahre lang jede Woche für 50 Minuten Couch-Sitzung 100 Euro kassiert. "Zwei bei Kallwass" zieht alle Register des Mediums Fernsehen: Die beiden Konflikt-Parteien werden von Schauspielern gemimt. Der Showeffekt ist da, die Inszenierung perfekt. Die Komparsen wirken dabei nicht unauthentisch: verhaspeln sich, sprechen mit Dialektfärbung, verwenden Redewendungen falsch. Doch sie wirken allzu oft aufgesetzt in der einstudierten Rolle. In den 45 Minuten der Sendung werden drei "Fälle" "verhandelt" und gelöst. Nebeneinander an Stehpulte stehen die Betroffenen der Kallwass gegenüber.
 

   

Dipl.-Psych. Kallwass

Angelika Kallwass, Jahrgang 1948, zwei Kinder, Diplom-Psychologin und Diplom-Volkswirtin, diverse Zusatzausbildungen (Aggressionstraining) heißt es im Lebenslauf. Kallwass führt ein Textilunternehmen und berät nebenbei mittelständische Unternehmen in Konfliktmanagement und Coaching. Klingt seriös, zumindest keine Gestalttherapeutin mit Ausbildung in biodynamischer Massage. Auch Kallwass schlägt aus ihrem Potential Kapital: der Sender Sat.1 bescheinigt ihr Liebe und Verständnis für Mitmenschen. Auf der Mattscheibe besticht Kallwass durch Einfühlungsvermögen, salomonischer Achtung beider Seiten und Ausredenlassen. Sie hakt nach, bestätigt, zeigt Mitgefühl. Ist zuerst gute Omi, dann in ihrem Rat aber ganz Oberlehrerin und fertigt ab, triumphiert mit ihrem Aufdecken der unbewussten Beweggründe. Mit neun Redakteuren, einer Redakteurin und "zwei Psychoanalytikern" geht Kallwass ihren "Fällen" bereits vor der Sendung auf den Grund und legt sich ihre Lösung zurecht.
 


 
 
   

Fischen nach Umbewusstem

Mit kalkulierten, auswendig gelernten Lehrsätzen der Psychologie kommt Kallwass den "Geheimnissen" auf die Spur: Die verdrängte homosexuelle Neigung steht hinter dem Abscheu gegen den schwulen Nachbar, der Freund, der noch keine Kinder will, hat sich sterilisieren lassen und der Veganer will seine Freundin missionieren, weil er eine "tiefe Angst" hat, für bislang 14 Jahre Fleischkonsum gesundheitlich bestraft zu werden. Das in jedem Fall gelüftete "Geheimnis", die tief sitzende Ursache des Streits, ist dabei sehr durchschaubar. Das Drehbuch ist geschickt eingefädelt, an exponierter Stelle ("was ist damals geschehen?") kommt die Werbeunterbrechung.
 


 


Zwei bei Kallwass
_Sat.1
_Montag bis Freitag 14.00 Uhr
 

 
   

Nicht sauber, aber auch nicht rein

Auch bei "Zwei bei Kallwass" zeigt sich wieder: Fernsehen trägt zur Kommunikation privater Probleme bei. Die Kallwass liefert Argumentationshilfen für die nächste Diskussion über die Beziehungsnöte im Bekanntenkreis. Unser Alltag und unser Lebensumfeld wird immer stärker psychologisiert und damit pathologisiert. Die Zunahme an psychologischem Wissen gestaltet sich im Erkenntnisgewinn des Laien jedoch nur durch schlecht recherchierte Lebenshilfe in "Brigitte", diversen Taschenbuchreihen einschlägiger Verlage und nun eben auch bei "Kallwass". Immerhin gibt es hier kein schmutziges-Wäsche-Waschen und kein Gebrüll - bei Kallwass hat man deshalb lange nicht so viel zu Lachen wie bei Vera am Mittag.
 

Fazit

Kein Gebrüll und keine Angeberei. Bei Kallwass werden bürgerliche Psyhostreitereien in Daily-Soap-Manier inszeniert.
 


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 Jutta Edinger
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