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Generation Scham


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Infos zur AutorinInfos zur AutorinFlorian Illies, Vater der Generation Golf, meint jetzt, wir hätten ein "Übungsbuch für ein schlechtes Gewissen" nötig. In diesem Ratgeber redet er uns einen Haltungsschaden, nämlich ein schlechtes Gewissen, ein und versucht, uns mit harten Work-out-Anleitungen die Schuldgefühle erst ein- und dadurch auszutreiben. Das Buch verspricht, die erste Problemzonengymnastik für den Kopf zu sein.
 


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von Element of Crime

 

Illies ist ein völlig verklemmter Typ, der zu keiner seiner Schwächen stehen kann. Kein pädagogisch korrektes "Ich bin o.k., du bist o.k.". Ständig geht er mit rotem Kopf durch die Welt und schämt sich zu Tode. So ist es ihm schrecklich peinlich, wenn er sich vom Pizza Service eine Pizza kommen lässt und dann im Treppenhaus den Nachbarn trifft, der mit wohlgefühltem Einkaufskorb vom Wochenmarkt kommt. Nicht genug, dass wegen seiner Faulheit der Pizzamann all die Treppen hochsteigen muss. Nein, jetzt denkt auch noch der Nachbar, was für ein ungesund lebender Zeitgenosse er sei.
 

   

Mea culpa

Was irritiert, ist, dass für Illies die Begriffe "schlechtes Gewissen", "Schuld" und "Peinlichkeit" nur verschiedene Wörter für ein und denselben Sachverhalt sind. Von Gewissensbissen geplagt, beichtet sich Jammerlappen Illies durch seine Welt. Eine Welt, in der er sich vor Schreck in die Hose macht, weil er zur Party kein Geschenk für das Geburtstagskind mitgebracht hat. Dann blamiert er sich erst im französischen Restaurant und schließlich rückwirkend für das lebenslange phonetisch unkorrekte Bestellen von Gnocchi. Er versinkt vor seinem Zahnarzt, dem Fleisch gewordenen Über-Ich, im Boden, der ihm regelmäßigeres Zähneputzen ans Herz legt.
 


 
 
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Florian Illies
Jahrgang 1971
1999-2001 Ressortleiter "Berliner
Seiten"/ FAZ
2000 "Generation Golf"
seit 2001 Ressortleiter Feuilleton/
FAS (Frankfurter Allgemeine
Sonntagszeitung)
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Wieso, weshalb, warum

Und wieso das quälende Gewissen? Weil es kein verbindliches Moralsystem mehr gibt, meint Illies, und kein Gut und Böse. Deswegen konstruieren wir uns einen Gedankendschungel aus Gewissensattacken. Gut ist für uns nur noch derjenige, der täglich frisches Obst und Gemüse zu sich nimmt und sauber seinen Müll trennt. Wer Illies diesen Floh ins Ohr gesetzt hat, bleibt rätselhaft. Die kauenden Menschen, die sich in meiner Stadt täglich bei MacDonalds den Bauch voll schlagen, scheinen das jedenfalls mit blütenreiner Weste zu tun. Auch völlig sorgenfrei telefoniert der Anzugmann bei mir im Zugabteil und mein Nutellaglas leert sich rückstandsfrei ohne mir ins Gewissen zu reden.
 

 
   

Ein schuldiges Volk

Wir Deutschen, so Illies, sind Meister im Schuldigfühlen. Dafür dass der Großvater ein großer Nazi gewesen war, dafür Deutscher zu sein, dafür nicht arm zu sein und für die Fremdenfeindlichkeit im Land. Gar eine romantisch angehauchte Sehnsucht umgibt uns, die uns danach streben lässt, uns ständig Asche auf Haupt zu streuen. Tief in unserem Unterbewusstsein, so weiter im Illies'schen Katechismus, schwellt das Über-Ich, das uns immer dann befällt, wenn wir einen Obdachlosenzeitungsverkäufer treffen.
 



   

Schamzonen-Gymnastik

Um das schlechte Gewissen wie einen dicken Po wegzutrainieren, empfiehlt Illies am Ende jedes Kapitels so herzerfrischenden Übungen wie "Heute gehen wir in das feinste italienische Restaurant unserer Stadt, ziehen uns Bundeswehrkleidung an, stellen uns mit unserer Familie vor das Buffet mit den gemischten Vorspeisen und singen die drei Strophen des Deutschlandliedes." Schämen Sie sich, Herr Florian Illies.
 



   
   

Fazit

Herr, vergib uns dieses Buch. Nicht übel sind Illies treffend eingezeilten Beobachtungen zu den verkrampften, tranigen, gepeinigten Neuen Mitte. Doch übergeben wir das Buch getrost der blauen Tonne. Ohne schlechtes Gewissen.   
 
-- Florian Illies: Anleitung zum Unschuldigsein. Argon Verlag. 252 Seiten, 34,17 Mark (gebundene Ausgabe)


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Jutta Edinger
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