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Spider-Man rediscovered


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Infos zum AutorInfos zum Autor Blockbuster sei dank: Wegen des Spider-Man-Films gibt es die ersten Jahrgänge der Spider-Man-Comics wieder groß präsentiert in Comic-Läden. Diese sind ultra-unterhaltsam und mega-amazing. Es lebe das Merchandising!
 

 
 

"Spider-Man war schon immer mein Superheld. Schon als Kind fand ich ihn besser als Superman." Oft kann man jetzt solche Sätze hören. Und sie stimmen genauso wenig wie Spider-Man ein Superheld ist.
 
Auch ich sage ab und an solche Sätze - der Anschlusskommunikation wegen. Doch hinter diese Angeber-Fassade steckt, dass ich wie die meisten meiner Freunde in den Achtzigern eigentlich gar kein Geld für die teuren Superhelden-Comics hatte. So hatte ich mehr oder weniger zufällig drei oder vier Spider-Man-Hefte und nur eins oder zwei Hefte von Superman, Batman, Hulk und wie Sie alle hießen.
 


   

Binärer Superheld

Genauso zufällig wurde auch Spider-Man zu einem Superhelden. Als Peter Parker wird in der Schule nur fertig gemacht und gehänselt, hat Geldsorgen und wird vom Zeitungsboss J. Jonah Jameson ausgebeutet. Als Superheld hat er es auch eher schwer, die Fantastischen Vier erkennen ihn nicht an, außer seinen Netzdrüsen und seinem Spinnensinn hat er keine Superkräfte. Zudem bewegt er sich ständig zwischen Heldentum und Kriminalität, weil Jameson mit seinen Zeitungen eine Negativ-Kampagne nach der anderen gegen ihn fährt. Die binäre Opposition in der Figur Spider-Man zeigt sich schon in seinem Urstoff der Radioaktivität: Durch ihre Kraft wird Peter Parker erst zu Spider-Man, doch auch viele andere Gestalten zu Monstern. Nicht nur hier kommt die kritische Komponente von Spider-Man zum Vorschein.
 

 

   

60er-Jahre-Wunder-Box

Die Hefte wirken auf den ersten Blick wie Kartoffeldruck auf umweltfreundlichen Toilettenpapier. So entsteht der volle Charme der Sechziger: Einfach, liebevoll und überschaubar. Die Storyline ist immer nach dem gleichen Schema gestaltet. Spider-Man hat es mit fantastischen Übergegner zu tun: Doktor Doom, der Echse, dem Geier oder dem Sandman. Das ganze wird angereichert mit dem problembehafteten Leben des Peter Parker. Doch diese Monotonie ist nicht langweilig, sondern entwickelt spätestens nach dem dritten Heft seinen eigenen Reiz. Hauptgrund dafür sind die selbstironischen Kommentare in den Einführungs- und Erzähltexten wie auch der unprätentiöse Wortwitz Spider-Mans. Zeichner Steve Ditko und Texter Stan Lee schaffen es so, eine glaubhafte, zugleich klare Spider-Man-Welt zu erschaffen, in die man immer wieder zurück will.
 


 
   

Neue Superhelden warten

Die zweite Komplett-Box ist schon in Kaufplanung und eben nicht nur weil sich Comics gut im Schwimmbad und im Bett lesen lassen. Ich muss mich beeilen, denn der nächste Superhelden-Comic kommt bestimmt bald in die Kinos. Außerdem muss ich mich im Herbst auf Herr der Ringe - Zwei Türme vorbereiten, um sagen zu können: "Das Buch hab ich schon vor dem Film gelesen!" Denn wer will schon in Merchandising-Verdacht geraten.
 


 
   

Fazit

60er-Jahre Superhelden-Comic mit Doppelidentität: Hinter simpler Fantasy-Unterhaltung verbirgt sich ein komplexes Gesellschaftsbild der Sechziger zwischen Spießbürgerlichkeit und Fortschrittsglauben. Hinter dem klassischen Gut-gegen-Böse-Aufbau verbirgt sich ein selbstironischer Text.  
 


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 Timo Wirth
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