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Kebab und Weißwurst


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Infos zur Autorin In der Geschichten-Sammlung "Morgen Land: Neueste deutsche Literatur" liefern in Deutschland lebende Autoren fremder Herkunft radikal authentische Positionen zu bundesdeutschen Realitäten. Sie erzählen von Astronauten auf Planetensuche. Und warum Sex + Drugs + Kanak Sprak ein explosives Gemisch ist und immer vom Rande her geworfen wird.
 

 
 

Jamal Tuschick hat ein blendendes Gehör. Jedenfalls was das Trapsen christdemokratischer Nachtigallen betrifft. Als prophetische Antithese zu vermerzten Ausfallschritten gibt jetzt es eine kleine, feine Anthologie zum Leid-Thema Leitkultur, um kritisch in den eigenen Teller zu blicken. Und welche sicher keine müdemachende Prosa zur Völkerverständigung beherbergt. Im Gegenteil: Hier wird unserer "schnarchdenkmaschine" ein neues, unbekanntes Leben eingehaucht.

Sind sie zu fremd ...

Mit einem rotzfrechen "Sind sie zu fremd, bist du zu deutsch" lockt Tuschick den Leser an unbetretene Ufer. Im trashig-knallgrünen Einband halten sich Texte in Deutschland lebender Autoren fremder Herkunft verborgen. Den Schwerpunkt bildet hierbei der oft gemeingefährliche Blick auf ein "deutsches Kanakistan". Des weiteren melden sich Autoren ungarischer, jugoslawischer, polnischer Erst- bzw. Zweitbeheimatung zu Wort. Sie tun dies auf so unterschiedliche Art und Weise, dass manche Stimme etwas verloren klingt und unterzugehen droht im babylonischen Sprachwirrwarr. Tuschick hätte ruhig ein wenig sortieren dürfen - wenn schon nicht aus Angst vor diskriminierenden Effekten nach ethnischen Gesichtspunkten, so doch wenigstens nach gattungsspezifischen. Die kurzen Positionsmonologe junger Autoren wirken mitunter ein bisschen verloren zwischen einer sprachgewaltigen Erzählerin wie Terezia Mora. Was den Status als herumtreibende Astronauten auf Planetensuche zwar unterstreicht, den Leser trotzdem verwirrt umherblättern lässt.
 

 
   

gegen die multi-kulti Betroffenheit

Wie der Untertitel "Neueste deutsche Literatur" suggeriert, klimpert eine solch bunt durcheinandergeschüttelte Stimmenmixtur gewiss nicht auf den altbewährten multi-kulti Betroffenheits-Tonarten. Selbstbewusst verorten und analysieren die Schreibenden ihre Position in einem Land, das für sie zum jetzigen Zeitpunkt noch immer ein Morgen-Land bedeutet. In dem sie nicht zu Hause sein dürfen, es sein wollen, aber irgendwie auch nicht. Jedenfalls nicht zum stillschweigend vorausgesetzten Preis - dem Verlust ihrer kulturellen Identität.
 

 
   

ironisch geschlürfte Kuttelsuppe

Die erzählten Geschichten hat Tuschick ohne leuchtend-roten Faden gesammelt. Dies zeigt vor allem eines: dass es den bi-kulturellen Erzähler ebenso wenig gibt wie den Ausländer. Als lose Klammer dient jedoch das Gefühl des Nicht-Dazugehörens. Des Fremd- und Unerwünschtseins. Aggressive politische Unkorrektheit paart sich hier mit Gewalt und Obszönität zu einer tosenden, wenn auch klugen Anarchie. Was in atemlose Haßtiraden mündet, die immer eins zum Ziel haben: den normalen, angepassten Bürger dieses Landes attackieren. Den oberkorrekten, euroverliebten Alemanen - wie ihn Vito Avantario nennt -, der hinter vermeintlichen Toleranzfassaden seine Angst vor dem Fremden verborgen hält. Scheinbar beiläufig wird in den Geschichten deutschtürkischer Erzähler Kuttelsuppe geschlürft und in rohe Zwiebelknollen gebissen. Der Blick auf solche Versatzstücke der eigenen Kultur ist ein emanzipierter, ironischer. Ein Blick, der mit einem liebevollen Augenzwinkern kommentiert und zeigt, dass sie dem Erzähler ebenso fremd vorkommen, wie dem "Normaldeutschen". Der sie weder ideologisiert noch fetischisiert.
 

 
   

krass-ey, Liebe und Drogen

Ein paar Seiten weiter erklingt Politisch-Essayistisches von Maxim Biller. Dann wieder ein Gedicht mit beklemmend authentischem Tonfall, wo der Verlust der Sprachfähigkeit ein alltägliches Wahnsinnigwerden ist: "Würden Sie/ ein kurzsatziges Mädchen/ zurück ins Bett bringen?". Von den schrägen Transvestiten-Texten einer Mariola Brillowska bis hin zu einer poetisch äußerst gelungenen Kurzgeschichte von Terezia Mora - alles ist da, und alles ist irgendwann zuviel und zuwenig zugleich. Auch thematisch spannt sich der Bogen fast zu weit. Von Milieubeschreibungen deutsch-türkischer Randexistenzen im "krass-ey"-Jargon, über deprimierende Drogenexzesse und zarte, erste Liebesbande bis hin zur tödlichen Flucht über die Grenze ist alles vertreten.
 


 
 
 
 
 
 
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Der schönste Satz:
"Als ich hier ankam, bin ich traurig ge-
worden. Nein. Bis ich hier angekommen
bin, bin ich traurig geworden."
Aus: Terezia Mora, "Ein Schloss".

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Fazit

Ein seltsames Land ist dieses Morgen-Land- Deutschland, von dem die Stimmen zu erzählen wissen. Einmal ist es das verlorene Paradies, dann ein unbarmherzig kalter Kerker sozialer Kälte und ein andermal ein ganz normales Land. Eindrücke, die tief haften bleiben im eigenen Suppenteller. Die sich nicht unterrühren lassen. Die oben treiben und angeblickt werden wollen. Trotz aller Kritik also: Ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit.   
 
-- Jamal Tuschick (Hg.): Morgen Land. Neueste deutsche Literatur. Fischer, 2000. 301 Seiten, Taschenbuch (19,90 DM)


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Daniela Dröscher
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