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Lurchi luschig


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Infos zur AutorinInfos zur Autorin Das Lurchi-Heft, der Klassiker der deutschen Werbecomics, ist zum trendigen Hochglanzheftchen mutiert. Die "lustigen Salamandergeschichten", die es seit 1936 gibt, wurden samt Figuren einer Frischzellenkur unterzogen.
 


offizielle Lurchi-Site
alles zum alten und neuen Lurchi
alte Lurchi-Folge
(vor der Verjüngungskur)

 

Schuhe kaufen war doof. Der Schuhverkäufer, den alle nur so nannten, wie sein Laden hieß, nämlich "Schuh Fritz", war ein alter Opa, der aus dem Mund roch. Sein antiquiertes Schuhfachhandelgeschäft ohne jedes Gespür für Kinderwünsche. Die Schuhgrößen waren in eiserne Hufeisen eingerahmt. Der Schuhlöffel war furchteinflössend. Es gab kein Salamander-Karussell. Die neuen Winterstiefel waren schick und drückten. Aus zehn Paar musste man sich urteilskräftig dasjenige aussuchen, das einem gefällt. War die schwere Entscheidung gefällt und die neuen Schuhe in Karton und Tüte versenkt, bekam man als Belohnung ein grünes Heftchen mit knallig bunten Bildergeschichten überreicht. Mein Herz schlug höher. Und es schlug für eine ranke und schlanke nackige Echse: Lurchi.
 

   

Lurchi geliftet

Was machte es da schon, dass der heldenhafte Feuersalamander einen grünen Gamsbarthut trug und noch schrecklichere Lederhalbschuhe, die man selbst nie haben wollte? Aber seit September 2000 hat "Salamander" ihren Lurchi einer radikalen Frischzellenkur unterworfen. Diesem gnadenlosen Lurchen-Lifting ist es in die Schuhe zu schieben, wenn tausende von Kindern unglücklich mit ihren neuen Lederschuhen nach Hause gehen, weil sie kein althergebrachtes Lurchi-Heftchen bekommen haben.
 


 
   

Lurchi verwirrt

Den verwirrten Kleinen erklärt "Salamander" die Verwandlung so: "Lurchi und seine Freunde sind auf dem Heimweg von ihrem letzten Abenteuer an einem verzauberten Jungbrunnen vorbeigekommen!" Die alten Figuren, Hopps, Unkerich, Igelmann, Piping und Mäusepiep sind kaum wiederzuerkennen. Aus Lurchi, dem listigen Helden, wurde "der tonangebende Sunnyboy." "Anders als früher ist er nicht mehr der alles überragende Held, sondern ein echter Teamworker, der immer gute Laune hat." Das Format des Lurchi-Heftes ist geschrumpft auf das bekannte Kleinkinder-Bilderbuchformat 10 x 10 cm. Sein Hochglanzpapier erinnert an das Booklet der Backstreet Boys. Keine liebevoll rundliche, formvollendete Schreibschrift mehr, sondern eine hipp sein vollende Type mit willkürlichem Wechsel zwischen normaler und halbfetter Schrift.
 

 
   

Lurchi luschig


Die neuen Geschichten sind luschig, nicht lurchig. Lurchi und seine Freunde, erleben keine Abenteuer, sondern politisch-korrekte und pädagogisch-wertvolle Moralgeschichten: Kooperation und Teamarbeit statt Einzelkämpfertum führt zum Erfolg. Darüber hinaus: Kein Wort von Schuhen. Früher konnten Lurchi und seine Freunde das Abenteuer bestehen dank ihrem festen Schuhwerk: den Salamander-Schuhen. So sicher wie das Amen in der Kirche war daher der als runing-gag fungierende Schlusssatz "Lange schallt's im Wald noch: Salamander lebe hoch!" Auch die Reime in bester Wilhelm Busch-Manier sind der Verjüngungsfolter zum Opfer gefallen.
 

 
   

Fazit

Damit bekommt man die Kleinen nicht rein in die Salamander-Schuhe und raus aus den Pokémon-Turnschuhen. Vor allem, weil der neue Lurchi zum sportlichen Dress die unschickesten Ledergaloschen trägt, mit denen man auf dem Schulhof nur ausgebuht werden würde. Ein marketingstrategischer Hemmschuh. Solche Tierversuche sollten verboten werden.  
 


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Jutta Edinger
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