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"Literaturen" ohne Biss


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Infos zur AutorinInfos zur Autorin Sigrid Löffler, überwarf sich mit dem Meister, starb den tragischen Theater-Tod im "Literarischen Quartett". Mit wehenden Fahnen zog sie heldenhaft ins Exil und hat nun einen neuen Zufluchtsort: Berlin. Ihr neuer Job: Chefredakteurin der Monatszeitschrift "Literaturen". Seit Ende September im gutsortierten Handel.
 


"Literaturen"

 

Tapferes Mädchen, denkt man sich. Dich will ich treffen. Aber Sigrid ist begehrt: Am Bahnhof ist "Literaturen" ausverkauft. Immer ist vor mir jemand an der Kasse und fragt "Hamm sie die neue Zeitschrift von der Sigrid Löffler?" Anscheinend war Löfflers Ausstieg aus dem "Literarischen Quartett" ein genialer Feldzug.
 

 
   

das Versprechen

Bis zu 100 Bücher will Sigrid Löffler mit ihren beiden Redakteuren "sichten und gewichten" und in "spannendem Wechsel der Themen und Darstellungsformen" dem "lesenden Leser" darbieten. Sie versprechen "manche Überraschung" und wollen "mit freiem Blick" die deutsche Feuilleton-Landschaften zum Blühen bringen. "Erstarrungen" lösen und wegkommen von der "Rezensionsmonokultur". Gar "das Schwierige leicht darbieten und das Leichte ernst nehmen". "Keine Tabus" wollte Löffler in ihrem neuen Magazin kennen. Forsch deklamierte sie: "Wir kennen keine Berührungsängste". Wie unsittlich, denkt man sich und schlägt genüsslich die Zeitschrift auf.
 


 
   

das Cover

Zur Schlagzeile "Die Erfindung des Ostens" ziert das Titelbild des ersten Heftes eine blaustichige, einäugige Visage, die mir mit spitzen Fingern ein Papiermännchen entgegenhält. Auf dem Männchen sind Buchstaben (lat. litera). Anscheinend werden hier Bücher mit spitzen Händen angepackt.
 

 
   

das Editorial

Der Slogan von Sigrid Löfflers "Literaturen" ist: "Damit Sie wissen, was Sie lesen wollen. Und lesen, was Sie wissen müssen." Ich will vor allem eins: Lesen. Weil ich aber leicht den Überblick verliere, will ich gern, dass mich Sigrid Löffler mit ihrem Büchersachverstand an die Hand nimmt. Mir die guten und die schlechten Seiten zeigt. Aber in den "Literaturen" wird mir befohlen ("damit Sie wissen, was Sie lesen wollen"). Da stehe ich vor Ehrfurcht stramm. Nix da von Auskunft und "Da werden Sie geholfen".
 

   

das Motto: Häppchen und Kanapees

"Jeder von uns ist ein Häppchenleser" - da nahm Löffler bei der Vorstellung von ihrer neuen Zeitschrift den Mund wohl zu voll. Neugierig auf das Menü dieses neuen Magazins bekomme ich aber nur schwere Kost serviert: Die Artikel bieten keine Quereinstiegspunkte, ich muss durchlesen, um zu wissen, ob mich das Buch interessiert, ist es ein Sachbuch, Belletristik, Kinderbuch, Krimi. Das liegt mir schwer im Magen. Die Überschriften sind fad und ungewürzt. Schon die ersten Sätze schlecht getextet. Hier prickelt nichts. Die Autoren flüstern mir Gemeinplätze ins Ohr: "Alle sprechen von den Internet-Buchhandlungen". Echt? Dazu brauch ich kein Magazin für 12 Mark, nach dem ich die ganze Stadt abklappern muss. Der Essay, den Löffler nach angelsächsischer Tradition auf deutschen Tellern servieren will, plätschert sich ein mit einem "Als ich mich kürzlich in Berlin aufhielt, fiel mir xyz auf". Wow. Wo ist die Frau, die das Literarische Quartett mit Trotzkopf und Sitzfleisch zu einem Amüsement machte?
 

 
   

orientierungslos

"Literaturen ist die Zeitschrift für Leser." Na dann: Muss man sich bei der Leserführung nicht so viel Mühe machen? Was ein gestandener Leser ist, kämpft sich auch wacker von Seite eins oben links bis Seite 152 unten rechts durch? Dem reduzierten Layout fehlt jede Ästhetik. Das große Plus eines Magazins wird nicht eingesetzt: Die Bebilderung ist durchweg schwarz-weiß und alles andere als originell (Schriftsteller vor Bücherregal). Attraktiv ist hier nichts, da kann das Thema auch noch so verführerisch sein. Lesen ist ein sinnliches Tun. Dieses "Journal" aber ist ein Liebestöter.



_Preis: 12 Mark
_150 Seiten
_erscheint monatlich
_Launch: 20.09.2000
_Startauflage: 80 000
_Verlag: Friedrich Berlin Verlag
 

   
   

Fazit

Nachdem ich "Literaturen" gelesen habe, ist mir der Appetit vergangen. Der dicke, süße Brei in der Buchhandlung, der mich reizt und durch den ich mich durchfressen will, ist erstarrt zu einer zähen Masse. Ich habe Angst, einfach ein Buch aus dem Berg zu ziehen, mich ins Abenteuer zu stürzen und ohne ein Rezept von Frau Doktor Löffler loszulesen. Die Idee eines Wegweisers im Bücherdschungel fernab der kostenlosen Blättchen der Bücherverlage ist gut. Die Durchführung ist aber stark verbesserungsfähig. Halte noch mal um meine Hand an, Sigrid. Verwöhn mich ein bisschen. Vielleicht heirate ich dich dann.

 


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Jutta Edinger
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