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Happiness,
where are you?


Printversion

Infos zum AutorInfos zum Autor Was soll man tun, wenn ein Buch von allen Kritikern über alles gelobt wird? Weiter kritisch über Feuilletonisten denken und die 780 Seiten trotzdem lesen. Denn "Die Korrekturen" wirkt nicht nur als Feuilleton-Droge, sondern ist vor allem Halluzinogen für Familienangehörige.
 

 

 

sehr verdächtig: Harald Schmidt gibt Tipps wie man als Korrekturen-Leser Eindruck machen kann, ohne das Buch gelesen haben zu müssen. Um nicht 25 Euro für eine 780-seitige Regaldekoration ausgeben zu müssen, wünsche ich mir das Buch von meiner Mutter zum Geburtstag.
auch verdächtig: Meine Mutter wundert sich über meine Buchwahl und bekundet ihr Interesse damit, dass ich es ihr unbedingt mal ausleihen soll, weil die Thematik ja eher sie betrifft als mich und ich normalerweise nicht so dicke Bücher lesen würde.
 
Ich lasse mich nicht verunsichern, schließlich habe ich zwei Wochen Urlaub und bei Amazon drei Seiten Probe gelesen. Schon nach den ersten paar Seiten ziehen mich die dichte Atmosphäre, die Charaktere und der treffende Einsatz von nicht-klischeehaften Metaphern in den Bann, und ich bin sicher, dass ich trotz der 780 Seiten die anderen Bücher in meinem Gepäck auch noch lesen werde.

die Handlung

Das Handlungsgerippe ist eigentlich simpel: Eine typische amerikanische Familie, hier bestehend aus den Eltern Enid und Alfred und den Kindern Gary, Chip und Denise haben sich auseinander gelebt. Jeder sucht sein eigenes Glück, jeder hat seine eigenen Sorgen. Eine Sorge teilen sie jedoch: Der autoritäre, prinzipientreue   Vater Alfred leidet an Parkinson und Demenz. Doch auch das schweißt die Familie nicht zusammen. Die Kluft scheint unüberbrückbar: Die Kinder fliehen vor den Lebensentwürfen der Eltern, während die   Mutter Enid den Traum von einer Re-Harmonisierung der Familie träumt. All ihre Kinder - der   Banker, die   erfolgreiche Köchin und der   intellektuelle Versager - sollen an Weihnachten nach Hause kommen, und alles wird gut so wie früher. Doch früher war nicht alles gut, und so bedarf es einiger schmerzhafter Einsichten und Korrekturen, damit das Familienglück ansatzweise erreicht werden kann. Jonathan Franzen macht aus dem Stoff weder einen anspruchvollen Bildungsroman über den traurigen Zustand der amerikanischen Gesellschaft, noch eine kitschige Soap Opera. Sein Roman ist eher mit Filmen wie "Happiness", "Magnolia" oder "Short Cuts" vergleichbar als mit den "Buddenbrooks" oder den "Wicherts".
 


 
 
 

 

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Worum es nicht geht:
-- es ist kein New Economy-Buch
-- es kommen keine Geeks,
Freaks oder Mikrosklaven vor
-- es werden keine @-Culture-
Trends ausfindig gemacht und
zur Nachahmung empfohlen
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das Besondere

Franzen schafft es durch seine multiple Erzählperspektive die inneren Beweggründe der Akteure zu schildern. So wirkt Alfreds halluzinierender, verzweifelter Kampf mit seinem eigenen Scheißhaufen nicht bloß tragisch-komisch, sondern vor allem erschreckend glaubwürdig und nachvollziehbar.
Franzen benutzt Metaphern, die aber keine bloßen Phrasen sind, sondern die überzeugend die Charaktere und die Situation beschreiben. So gelingt es ihm mit der Darstellung von komplexen und somit auch widersprüchlichen Denkweisen, Handlungen und Empfindungen Leben abzubilden.
 
In den Korrekturen wird vorgeführt,
1} dass man falsche und schlechte Verhaltensweisen zwar kennt, sie aber trotzdem nicht ändern kann.
2} dass man, obwohl man es bereut, sich anderen gegenüber böse und aggressiv verhält und es nicht abstellen kann, weil das Verhalten prinzipientreu ist.
3} dass man sich oft schuldig und verantwortlich fühlt, obwohl andere einen unterdrücken, misshandeln und ausbeuten.
4} dass Verhaltensweisen, die gegen eigene Prinzipien verstoßen, in bestimmten Situationen im eigenen psychischen System Sinn machen
 
Franzen will mit "Korrekturen" nicht belehren, moralisieren oder Bestürzung auslösen. Er bildet einfach den Irrsinn des täglichen Lebens im heutigen Amerika ab. Die verschiedenen Lebensentwürfe von Al, Enid, Gary, Chip und Denise haben vor allem ein Ziel: Happiness zu finden. Doch Glück besteht nicht aus Wohlstand, Karriere und geistiger Gesundheit. Der Weg dahin, das Nicht-Erreichen des Ziels und die Korrekturen in der Lebensführung wirken oft dramatisch komisch, immer fesselnd aber nie erzieherisch.
 


 
 
   

die Leser

"Die Korrekturen" ist ein Buch, welches in sich sehr komplex und stilistisch anspruchsvoll ist. Es verlangt einen ausdauernden Leser, der sich auf die Tiefe der Charaktere einlässt und bereit ist, sie über Jahrzehnte hinweg zu begleiten. Doch ebenso lässt John Franzen dem aktiven Leser viel Raum, sich mit den Figuren und deren Lebensumständen zu identifizieren, sich zu distanzieren, sich aufzuregen, zu lästern und so seine eigene, korrigierte Lesart zu entwickeln. Bei den Korrekturen geht es nicht darum, einfach große Literatur in sich aufzunehmen.
 

 
   

Fazit

pathetisch: Ein sehr relevantes, bedeutsames Buch unserer Zeit.
persönlich: Ein packendes Buch, das meine Beurteilungsschemata korrigiert und mich sehr unterhalten hat.   
 
-- Jonathan Franzen: Die Korrekturen. Rowohlt 2002, 781 Seiten, 24,90 Euro, gebundene Ausgabe.
-- Jonathan Franzen: The Corrections. Fourth Estate 2002, 653 Seiten, 9,20 Euro, engl. Paperback.


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Timo Wirth
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