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Das Ich als Monster


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Infos zur AutorinInfos zur Autorin Nika Bertram liest wohl für ihr Leben gern Comics und spielt gern Computer. Sie beschert uns nicht nur einen illustrierten Roman, sondern auch ein Computerspiel. Darin wechselt die Protagonistin Nadine ihre Gestalt wie andere die Unterhosen. Ein abgedrehtes Projekt, das sich als lässige Allegorie auf unsere Zeit liest.
 


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Computerspiel zum Buch
MUD zum Buch

 

Als Nadine eines Morgens aus unruhigen Träumen erwacht, findet sie sich in einen Mann verwandelt. Klingt wie Erbauungsliteratur für Transsexuelle. Ist es aber nicht: Die Comic-Zeichnerin Nadine sitzt in einer Zelle und soll ihre Lebensgeschichte aufschreiben. Sie darf aber nicht zeichnen - was sie sich jedoch nicht verkneifen kann. Sie erinnert sich an ihre Comicfigur Mary, die auf dem Planeten Mutaga lebt. Der Planet ist von feministischen Hexen bewohnt, die Harrison Ford Look-alikes in Gewahrsam nehmen. Mary selbst betäubt gern Versicherungsvertreter und zerlegt sie mit dem elektrischen Messer wie eine Roulade. Dabei stellt sie fest, dass der Vertreter eigentlich eine Maschine ist - gut getarnt mit menschlicher Haut.
 


 
 
   

Versplatterte Lebens-Geschichte

Nadine, 25, erinnert sich an den Selbstmord ihres Vaters. Sie erinnert sich, wie sie sich in die Freundin ihres Halbbruders Arthur verliebte und an ihre Selbstmordversuche. Als sie älter wird, tauscht sie alte gegen neue Identitäten und lernt so, mit der Welt zu leben. Sie wechselt über Nacht das Geschlecht, nennt sich Nada und schwängert ihre Freundin Susan. Wie von Zauberhand verwandelt sie sich wieder zurück in Nadine. Dann wird sie zur Kanal-Ratte und wird von anderen zwar nicht Gregor, aber George gerufen. Kaum hat sie die Schnauze voll vom verfaulten Fleisch ihrer Artgenossen, erwacht sie als Nadine in der lenorweich gespülten Bettwäsche der Bio-Laborantin Ary. Ab und an mutiert sie zum kleinen Vampir. Ein echt schräger Vogel.
 

 
   

Genre-Fucking

Nika Bertram raubt der Hochliteratur ihre Motivik und tränkt diese ohne rot zu werden mit Textzeilen von Björk, Sonic Youth, David Bowie, Nick Cave, Garbage und Tricky. Das klingt hip und lässt einem die Füße einschlafen. Doch nein. Hey, diese Nika, die kann schreiben. Während des "multisensorischen Bio-Cybertrips" serviert sie uns ihre unverschämt unterhaltsame Variation des uralten Motivs der Verwandlung. "Ich komme aus der Hochliteratur und klaue mir die besten Motive aus Science-Fiction und Horror. Was ich mache ist Genre-Fucking", sagt Bertram. Das Produkt ihrer unverblümten Begattungsversuche ist ein hybrides Geschöpf, ein "Wechselbalg" aus Roman, Comic und Computerspiel.
 

 
   

In 80 Kreaturen um die Welt

Aber wenn man vor Lachen geschüttelt den verrückten Comic weglegt, kratzt man sich nachdenklich am Bart. Es ist keine aberwitzige Fabel aus einer Zeit, in der das Wünschen noch half, sondern eine Analyse unserer Gegenwart, in der das Geschlecht ebenso frei wählbar ist, wie der Lebensstil. Zudem beschreibt es die Identitäts-Suche als never-ending story. Doch angenehmerweise hat diese Phantasie-Reise keinen bemühten Psycho-Hauch.
 

 
   

Das Fiction_Game zum Buch

Das Spiel zum Buch ist ein Freeware Text-Adventure. Mit viel DOS-Ästhetik gurkt man als Nadine durch das Universum der Story. "This is a no-budget experiment in electronic story-telling", erklärt Nika Bertram dem Spieler. Ziel ist es, in den Kahuna Level 3 zu gelangen (das entspricht dem letzten Kapitel des Romans) und das Herz der Bio-Laborantin Ary zu gewinnen. Doch Vorsicht: "You cannot carry more than 6 items." Und wer schon immer in Buchdeckel kriechen und mit den Figuren ein Bier trinken wollte, der sollte sich in den Multi-User Dungeon einloggen.
 

 
   

Fazit

Das Geschlechter-Rollenspiel ist bei Bertram eine Partie Halma. "Der Kahuna Modus" ist kein Buch für den lila Frauen-Buchladen, sondern für den schrägen Comic-Laden. Und wenn sich Ihr Liebster nun über Nacht in eine Kanal-Ratte verwandelt hat? Don't panic. Akzeptieren Sie ihn wie er ist. Vielleicht ist es auch ein verschmähter Liebhaber aus alten Zeiten.  
 
-- Nika Bertram: Der Kahuna Modus. Eichborn 2001. 332 Seiten, gebundene Ausgabe (39,80 DM)


 

 
 
 

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Jutta Edinger
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