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Berlin anti-hip


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Infos zur Autorin Berlin ist auch nicht mehr das, was es nie war. In ihrem dritten Roman kratzt Kathrin Röggla unartig am hippen, jungdynamischen Mythos von der neuen Hauptstadt. Und entfacht dabei ein "irres wetter", das in Gestalt von Monolog- und Dialogfetzen den Lesern um die Ohren saust. Dumpfe Wohnmaschinen treffen auf einem sprachlichen Seziertisch mit grell geschminkten Konsumgesichtern zusammen.
 

 
 

Schauplatz Berlin. Gähnend langweilig! Oder nicht? Man darf den Satz "es geschehen Zeichen und Wunder" bemühen, und sich auf einen erfrischend bösartigen Roman gefaßt machen. Und nicht auf ein in hübschen Sätzen nett verpacktes Hintergrundgeräusch für melancholisch U-Bahnfahrende, die sich nach Feierabend nach einem Geschichtchen sehnen. Vielmehr auf eine köstliche Persiflage.
 

 
   

Seien Sie richtig gemein ...

Mit höhnischem Gelächter wird hier das hauptstädtisch verunglimpfte Berlin in ein gleißendes Licht getaucht. Es gerinnt vor unseren Augen zur Slapstick-Bühne für verunglückte Lebensentwürfe. Ein gelackschniegeltes, verjugendlichtes Oberflächenberlin einerseits. Ein Abstellgleis für Gescheiterte andererseits. Man schüttelt und man wundert sich. Mit Reich-Ranicki im Takt den Kopf schüttelnd, fragt man anfangs: "was ist das für eine Sprache?", ist aber schon mitten drin, gefangen, kommt nicht raus, will auch gar nicht mehr, lehnt sich zurück und ertappt sich bei gehässigem Gelächter.
 

   

hip sein zwischen Aldi und Abrissbirne

Figuren taumeln durch skizzenhafte Stadtpläne und werden auf Illusionen und Lebenslügen hin beguckt. Oberflächenmenschen, Zwischenmenschen sind sie - zwischen Sozialamt, Aldimarkt, und Abrissbirne. Berlin kein utopisches "taka-tuka-land". Dafür ein pulsierendes Wirrwarr an Stimmen, Bildern, ungefilterten Eindrücken. Die hier gezeigte Stadt kippt von öden Nicht-Orten vornüber zum kapitalistischen Freizeitpark. Von verkopften Linksintellektuellen in postmodernen Gelassenheitsposen über gestylte Jungunternehmer mit Devisenlaunenhaftigkeit. Hin zu jenen Neo-Kreativlingen, die in der brandenburgischen Provinz ihren "privatosten" schrebergärtnerisch verwahren und zu den Liebe-Spielenden, die wie Universen ohne Andockmöglichkeit im All der Gegenwart treiben - alle wollen sie, laut Röggla, eines: Auffallen. Hip sein. Eine Message haben. Und einen Lifestyle.
 

 
   

rauchen in der Supermarkt-Welt

Passieren tut dabei nicht wirklich was. Wie in allem, was man der fragwürdigen Kategorie "neue deutsche Literatur" zuordnet, wird statt dessen tüchtig geraucht, getrunken, und nicht-kommuniziert. Rögglas Kapitel sind Romanfetzen, Wort- und Bildmitschnitte, ein Zitatensampling unglücklich Dialogführender. In immer engeren Kreisen nähert sich die Österreicherin dabei jener zeitlichen Koordinate, die man so lapidar Gegenwart nennt. Diese Gegenwart ist bei Röggla ein vertracktes Labyrinth an möglichen Wirklichkeiten. Von denen man sich eine aussuchen darf. Von denen aber eigentlich keine besser ist als die andere. Die Welt als Supermarkt also? Ein "irres wetter" vielmehr, welches das Ganz-nah-dran-sein-wollen als bloße Überlebenspose verlacht.
 


 
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Der schönste Satz des Buches:
"beim rückweg wieder die lindenblüten,
bilden ihren film auf den straßen, den
autodächern, windschutzscheiben, be-
decken die stadt mit ihrem muster, eine
handschrift, die nicht leicht zu entziffern
ist, geheimsprache! sie flüstert uns was
zu. 'romantisch ist die oberfläche der
erde', so schlegel, man müsse sie nur
entziffern, doch allein kann ich es nur
schlecht."

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Inferno am faden Nachmittag

In einer unorthodoxen Erzählweise analysiert die Österreicherin schnurstracks die Gegenwart. Virtuose Wortprägungen und stilistische Kuriositäten durchmischen sich zu einem fulminanten Stimmenwirrwarr. Anstrengend ist das, verdammt anstrengend. Ungeeignet als easy reading zum Übertünchen fader Nachmittage. Alles durch den Kakao ziehen, was Hoffnung auf Erlösung spricht. Die nämlich gibt es bei dieser Autorin nicht.
 

 
   

Fazit

Herrje, was ist das für ein Buch. Anstrengend. Klug. Kaputt. Und dabei verdammt komisch. Man weiß nicht recht, was es bedeuten soll. Mit typisch österreichischem Zynismus liefert Kathrin Röggla eine unangenehm vertraute Bestandsaufnahme des neuen Jahrhunderts. "Irres Wetter" ist ein höhnisches Gelächter auf das alptraumhafte Ding, das Leben heißt, aber nicht ohne ein bisschen Wehmut darüber, dass alles wichtige "verschwindet". Rögglas Roman entpuppt sich als literarischer must have für unwirsche Herbsttage, an denen man gemein sein will.   
 
-- Kathrin Röggla: Irres Wetter. Residenz Verlag, 2000. 167 Seiten (38,00 DM Hardcover)


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Daniela Dröscher
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