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Irgendwie-Stories


Printversion

Infos zur Autorin Ein Buch das sich anfühlt wie Zelluloid: In ihrem ersten Erzählband nimmt Maike Wetzel Sie & Ihn und Sie & Sie und macht scharfkantige Schnappschüsse. Versammelt Kokosnussbäuche und Tanzleichen nach bewährter "Verbotene Liebe"-Rezeptur. Nur, dass das Verbotene nicht länger unglücklich macht. Unglücklich ist man nämlich sowieso immer. Irgendwie.
 

 
 

Maike Wetzel ist eine aufmerksame Beobachterin. Zumindest, wenn es um das Ergründen der eigenen Befindlichkeit geht. Die ragt nämlich aus allen Ecken und Enden ihrer Figuren hervor. Macht aber nichts. Ich zappe mich freudig durch die Sequenzen. Alles so schön echt hier. Denke mir nach Belieben die Figuren als Puzzleteile, von einem fragmentierten Autoren-Ich kräftig durcheinandergemischt. Presse ungeduldig, aber ohne Neugier, Teil an Teil zusammen. Erblicke schon in der zweiten Geschichte die Frau, die ich erwarte. Vertraut, glatt, modisch, und auf unterkühlte Weise verträumt. Ich lehne mich zurück und lausche einer Stimme, die mit halb geschlossenen Lidern den Figuren ihr Leben souffliert.

falsche Liebe - falsches Leben

Worum es geht? Um "Hochzeiten" eben. Darum, dass Menschen sich vereinigen und dass alles ein diffuses "Irgendwie" ist. Immer ist eine Frau irgendwie verliebt. Irgendwie verletzt oder irgendwie traurig. Nie ist sie etwas richtig. Alles ist ein Spiel, mit losen Regeln, immer ohne Folgen. Spricht man den Titel jedoch mit einem gedehnten, runden O, muss wohl irgendwer gerade eine gute Zeit haben, denke ich mir. Eine Hoch-Zeit eben. Hat aber niemand. Jeder hat Liebe, die keine ist, und ein Leben das er nicht will. Alles ist eine Ablenkung, eine müde Versuchsanordnung. Die entweder explodiert oder im lautlos Leeren verpufft.
 

 
   

Weibsbilder ohne Erklärmoral

Eine Frau ist eine Frau ist eine Geliebte ist eine Tochter ist eine Verführerin. Ist ein kleines Mädchen ist irgendwann eine alte Frau - die Variationen der Frauenbilder erweisen sich als ineinander geschachtelte russische Puppen. Ich nehme mir eine, und kenne alle. Das klingt langweiliger als es ist. So schläft in der titelgebenden Geschichte die Protagonistin mit dem neuen Mann der eigenen Mutter, und wird schwanger von ihm. Eine spindeldürre Zahnärztin betrügt ihren Mann mit einer Studentin auf dem Marmorfußboden ihrer Praxis. Ein Technotanzendes, einsames Girlie versucht den Sprung aus dem Fenster. Eine andere Frau spielt russisches Roulette mit ungeschütztem Verkehr. Die Gründe hierfür bleiben in der Schwebe. Gemein.
 

 
   

schicke Details ohne Vorher und Nachher

Adjektivlos, knapp, lakonisch, lapidar erzählt Maike Wetzel Geschichten. Vom Leben abgeschrieben. Drogen, Techno, Bi-Sein, alles Schicke ist drin. Bemerkenswert ist, wie scharfkantig die Figuren vor ihren jeweiligen Hintergrund gespannt sind. Die Augen der Erzählerin schneiden ihnen und mir den Weg frei. Für vertraute Details, die uns ansonsten durch das diffuse Nebeneinander des Alltag rasseln. Maike Wetzel will bewusst filmisch erzählen, was ihr gut gelingt. Einen Ausschnitt geben will sie. Mehr nicht. Es gibt kein Vorher, kein Nachher. Kurz schaue ich in ein Leben hinein und wieder heraus. Wünsche mir eine Stimme aus dem Off, die mir sagt, was in der nächsten Folge geschieht.
 

 
   

ich glaub ich bin im Kino

Das Verführerische dieser Erzählungen liegt darin, dass sie mich zu einer Wahrnehmung verleiten, die ich normalerweise nur aus Kinobesuchen kenne. Dreidimensional wird's plötzlich. Ich schaue Kurzfilme, die mich durch einen offenen Anfang und ein offenes Ende hindurch spülen. Die dabei einen sanften Strudel entfalten. Dem ich mich sicher leicht entziehen könnte. Will ich aber gar nicht. Es ist viel zu schön darin. Dekorativ schmiegen sich hübsche Bilder Seite um Seite. Kinobilder. Schnell, harmlos, amüsant.
 


 
 
 
 
 
 
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Der schönste Satz:
"Wir können Pillen einschmeißen und
darauf warten, daß die Ritter das Visier
hochklappen, die Helme öffnen, und wir
sehen, dass sie leer sind wie Konserven."

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Fazit

Maike Wetzels Themen sind nicht neu. Aber sie erzählt sie in einer Sprache, die so dicht und rhythmisch ist, dass sie sich gut anfühlt, und nah ist. Irgendwie. Ich schließe das Buch. Denke: Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Wann immer ich will, kann ich die Bilder hervorholen. Den Knopf drücken. Ansehen. Und genauso gut wieder vergessen.   
 
-- Maike Wetzel : Hochzeiten. S. Fischer, 2000. 128 Seiten, Taschenbuch (20,00 DM)


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Daniela Dröscher
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