{die Zentrale}    
 
 
 

{zurück zur Übersicht}    








 

   

I'm so postmodern


Printversion

Infos zur Autorin Judith Hermann gilt als eigenstimmige Chansoneuse unter den neuen deutschen literarischen Fräuleinwundern. Gespenstisch lange ließ sie nichts von sich hören, gleichfalls gespenstisch soll's dafür im Zweitwerk zugehen.
 

 
 

‘Poetisch’, ‘melancholisch’, ‘wunderbar’ - diese und andere Etiketten zieren das Antlitz der immer etwas waidwund blickenden Autorin. Vier Jahre zuvor ließ ich mich von ihr auf sphärische Sommerhäuser vertrösten: Luftschlösser und Lebensmodelle, die niemals in Erfüllung gingen und sich in ihrem Scheitern verdammt gut anfühlten.

P wie Poesie

Die Liebe oder vielmehr ihre selbstverständliche Abwesenheit bildet in Judith Hermanns neuem Erzählband "Nichts als Gespenster" die Klammer um die Protagonisten, die als haltlose Planeten um eine leere Mitte kreisen. Wenn Hermann eines beherrscht, dann die leichte, melancholische Rede darüber, "dass eigentlich gar nichts ist", "nicht wirklich". In angehaltener Bewegung wird auf vertraute Weise gejettet, ge- und entliebt, geraucht, getrunken.
 
Die Texte transportieren jene ätherische, selbstbezügliche fucked-up Atmosphäre, die soooo verführerisch ist. Bereitwillig verschmelze ich mit dieser sushi-deluxe Ausgabe der empfindsamen Pop-Poetin. Doch beschleicht mich beim Lesen das ungute Gefühl, dass hier jemand - wissentlich? unwissentlich? - gratwandelt und sich sehr auf das man-darf-so-sein-Recht der Jugend beruft.
 
Damit das 'Gespensterleben' funktioniert, bedarf es der Anwesenheit zumindest dreier Dinge: Jugend, Schönheit und das nötige Kleingeld. Alles andere, das Unschöne, wirklich Bedrohliche bleibt unerwähnt. Ist nicht poesietauglich. Irgendwie bin ich genervt. Sehe mich unvorteilhaft ins Konvexe gespiegelt, sehe mein eigenes Sushi-Leben mit seinen Luxusproblemchen und aufgeplusterten Gefühlsverwässerungen.
 

 
   

Harmlos und schön

Aber: Diese Erzählungen sind zu zerbrechlich, als dass ich ernsthaft meinen bösen, rot geschminkten Kritikerinnenmund kräuseln möchte. Es wäre ein leichtes, so manch schiefe Wendung oder banale, dafür aber überpoetisierte Reflexion wie ein Gänseblümchen zu zerpflücken. Etwas lässt mich davor zurückschrecken, an diesem so sorgfältig behüteten Ich-Universum zu kratzen.
 
Etwas stimmt mich gütig, ich lehne mich zurück und lausche der verträumten Erzählstimme. Denke: klingt nicht mehr wie Massive Attack, eher wie die reife Stimme Beth Gibbons. Ich tauche ein in diese Liebe zu Details und Stimmungen, die mir aus den Zeilen ängstlich entgegenzublicken scheint. Vielleicht ist es das: die Furcht, dass diese Dinge zu verschwinden drohen, wenn nicht der poetische Blick sie in den Raum der zerbrechlichen Zeichen bannt. 'Sein ist Wahrgenommenwerden' einmal anders.
 
Die Farben und Düfte der Judith Hermann sind nostalgisch, gewiss. Eierschalenfarben, smaragdgrün, zimtig, rosenblumig, kaltblau: Fehlfarben der Wirklichkeit, in deren grelles Licht gehalten sie zu Gespensterstaub zerfallen, harmlos, altmodisch und schön. Die Mischung macht's: Postmoderne Befindlichkeiten aus der Gefühlstiefkühltruhe, verpackt jedoch in handgeschöpftes, mit Kalligraphie versehenes Papier. Ich mag das.
 

 
   

Somewhere better than this place,
nowhere better than this place

Das Lebensgefühl dieser Geschichten ist das eines rätselhaften und zugleich entzauberten Ichs, das man als westlich sozialisierter Twentysomething von der Wiege an wie selbstverständlich im Gepäck mitschleppt, ganz gleich, an welchem Ort der Rest-Realität man sich gerade befindet: in Karlsbad, Island, Prag oder der amerikanischen Provinz.
 
Der Luxus, sich zu spüren oder zu spüren, daß man rein gar nichts mehr spürt, der Fluch, Nicht-Ich und Immer-Ich sein zu müssen sowie die Klage um die Abwesenheit großer Empfindungen: darum dreht sich die Innenwelt von Judith Hermanns Nomaden. Die immer auch, dem Wortspiel sei dank, Monaden sind: fensterlos blind, in sich verpuppt hinter der Fassade eines schillernden Kokons. Mit halb geschlossenen Lidern den alten Traum träumend, dass das hässliche Leben sich bitte in Kunst auflösen möge, das Wirkliche ins Mögliche.
 

 
   

Schönheit gleich Wahrheit plus X

'Alles wird schöner, aber nicht wahrer' seufzt mein Philosophieprofessor letzthin nach kursorischer Lektüre und lässt Judith Hermann in seinem Deleuzehaften Schlapphut verschwinden. Was er mir damit sagen will? Vielleicht, dass man mitunter tief im samtigen Zylinderhut verschwinden muß, ja nicht über den Rand linsen darf, soll eine erzählte Welt wie diese bestehen können: kuschelig-melancholisch, ein unterkühltes Privat-Sonnendeck, das man zwar ungern, dafür aber schmerzlos betritt und wieder verlässt.
 


...............................................................
Der schönste Satz:
"Es gibt Nächte, in denen ich ganz klar und deutlich denke 'Ruf Jakob an, frag ihn, ob er nicht noch einmal rausgehen will, die Nacht ist so warm, wir könnten zusammen trinken, nur ein kleines Glas Wein', und dann drehe ich mich zu ihm um, ich kann ihn nicht mehr fragen, er ist schon da."

...............................................................
   

Fazit

Ich gestehe: Ich liebe den triphoppigen Sound dieser Geschichten, weil er sich in seiner Unschärfe aus "irgendwie", "vielleicht" und "und dann" wahrhaftig anfühlt. So wahrhaftig wie ein buntes Perlenarmband, von dem man sicher glaubt, es als Kind besessen zu haben - nur ist es auf keinem Foto zu sehen und auch in keiner Kiste auffindbar. Und nur wenn man zufällig daran denkt, fängt man an, es zu vermissen.   
 
-- Judith Hermann: Nichts als Gespenster, S. Fischer 2003. 320 Seiten, Gebundene Ausgabe (17,90 EUR)


...................................
Daniela Dröscher
...................................