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Die Frau von 30 Jahren


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Infos zur AutorinInfos zur AutorinErfolgreiches Trittbrettfahren bei der "Generation Golf": Was Illies für den männlichen Thirtysomething war, soll "Generation Ally" für die Frau um 30 sein. Nach erfolgreichem Verhaken in den Bestsellerlisten wurde Katja Kullmanns Buch schnell als seicht und banal vom Feuilleton geächtet. Eine Inspektion auf der Unisex-Toilette.
 

 

 

Die bewegte Frau

Zur Generation Ally gehören die zwischen 1965 und 1975 geborenen westdeutschen Mittelstandskinder. Es sind die "Töchter der Emanzipation", die Töchter der bewegten 68er-Frauen, die in den 80ern aufwuchsen. Sie genossen Chancengleichheit im Bildungswesen und antiautoritäre Erziehung. Sie wurden unpolitische Konsum-Kids. In den 90ern bekamen sie ihren ersten Job in der IT-Branche und inhalierten das Boom-Klima. Also selbstbewusst, gleichberechtigt, alles happy? Nicht ganz. Das Lebensgefühl der Frauen um die 30 wird verkörpert durch die neurotische Serien-Anwältin Ally McBeal. Sie dient als Identifikationsfigur und steht für die alltägliche Tragik zwischen Singletum und Partnersuche. Doch wie geht sie, die unangestrengte Weiblichkeit?
 

   

Fakten, Fakten, Fakten

Kullmann, Jahrgang 1970, hat sauber recherchiert und bombardiert uns mit einer Menge Fakten, Daten und Umfrageergebnissen. So wird das Buch zum Geschichtebuch der 80er und 90er. Dies betextet Kullmann mit einem flüssigen, wortverliebten und frechen Stil. Treffend und ab und an fast ins satirische kippend beobachtet sie etwa den Aufstieg und Fall der New Economy und den Werdegang von Trendgetränken wie Caipirinha und Absinth. Kullmann verklickert uns gefühlsecht ihren Lebenslauf: ihre Sozialisation in der Vorort-Grundschule, die Abiturfeier im Kurhaus von Bad Homburg, die Interrailtour, das Praktika-Sammeln, die Unilaufbahn, das Versanden im Job bis hin zum Lifestylespießer. Doch schnell wird klar, dass es ihr nicht einfach um die nostaligieförderliche Aneinanderreihung von Produkten geht. Statt wie Florian Illies Namens- und Markendropping in einer heilen Lifestyle-Welt zu betreiben, denkt Kullmann nach: über Männerprobleme, Mutterschaft und Glückssuche. Die Amicas, Allegras und Marie Claires weinen ins Ikea-Design des Kopfkissens.
 

 
   

Ich-Feminismus

Von FAZ bis ZEIT gähnten die Rezensenten über die Banalitäten einer gecoverten Version von "Generation Golf". EMMA und taz dagegen lobhudelten Kullmann als neues Sprachrohr für die Frauen zwischen Alice Schwarzer und Verona Feldbusch. Erstmals schalte sich eine Frau in den männlich dominierten Generationendiskurs von 68 bis 78, X, 89, Berlin, @ und Golf ein. Feminismus der guten alten Schule hat für die Generation Ally etwas von einem Döner: "Es müffelt übel, abgestanden, unappetitlich peinlich." Ungeniert frönen sie einem Ich-Feminismus: "Unsere Mütter bemühten sich verzweifelt darum, neben dem Haushalt noch ein bisschen an sich selbst zu denken. Wir dagegen hatten zu keinem Zeitpunkt vor, jemals nicht an uns selbst zu denken." "Wir wollen kein Karrieremonster sein wie Amanda, keine Backpflaumenexistenz wie Mutter Beimer aus der Lindenstraße, kein Tittenwunder in der Boxengasse, keine verhärmte Esoterikerin, keine Frauenbeauftragte und nicht unbedingt eine Lesbe, wenn es sich vermeiden lässt."
 

 
   

Fazit

Für die Generation Ally bin ich mindestens fünf Jahre zu jung. Deshalb fand bei mir der Aha-Effekt beim Lesen nicht statt. Das Lesen war so ein unterhaltsamer Museums-Besuch. Über all die Ally McBeals und die Bridget Jones' entfleucht uns eben immer ein Lacher.  
 
-- Katja Kullmann: Generation Ally. Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein. Eichborn 2002, 224 Seiten, 14,90 Euro, gebundene Ausgabe.


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Jutta Edinger
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