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Mr. Zufall


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Infos zum AutorInfos zum Autor Wo Paul Auster drauf steht, ist jetzt auch wieder Paul Auster drin - ohne, dass er sich selbst kopiert. Auster transportiert seine Themen Isolation, Identität, Lebensbrüche und Zufall von einem eher jugendlichen Kontext in eine Erwachsenen-Welt. Er erzählt in Ruhe und entwickelt oder besser verwickelt seine Charaktere und ihre Lebenswege langsam.
 

 

 

Auster braucht keine Anspielungen auf die Popkultur, keine explizite Gesellschaftskritik und keine zeitliche Referenzen, obwohl seine Handlung zeitlich verankert ist. "The Book of Illusions" spielt zum großen Teil in den Dreißigerjahren, Ende der Achtziger- und Ende der Neunzigerjahre spielt. Größtenteils nach dem 11. September geschrieben, enthält das Buch keine Spur von Patriotismus oder Globalisierungskritik. Die Handlung vom "The Book of Illusions" ist wie bei allen Auster-Büchern aus Prinzip unpolitisch, was sie nicht weniger relevant oder einflussreich macht.

illusionsloser Monomaniac

Ein typischer Auster-Einstieg: Ein distanzierter Ich-Erzähler, Prof. Zimmer, erzählt dem Leser rückblickend, stark gerafft, unterkühlt und illusionslos seine Geschichte. Diese beginnt mit dem Tod seiner Frau und seiner beiden Söhne durch einen Flugzeugunfall. Um weiterleben zu können und nicht vorm Fernseher oder im Kinderzimmer an Alkoholvergiftung zu sterben, wird er zum Monomaniac. Seine einziger Lebensinhalt besteht künftig darin, ein Buch über den unbekannten und auf mysteriöse Weise verschollenen Stummfilmer Hector Mann zu schreiben, dessen Kurzfilm "Double and Nothing" Zimmer wieder Leben einhauchte. Ein plötzliches, nicht mehr für möglich gehaltenes Lachen bringt den Untoten Zimmer wieder ins Licht. Einer von vielen Identitätenshifts beginnt hier.
 

   

getriebener Illusionär

Zwar wirkt die Figur Zimmer nicht uninteressant, doch wird man schon zu Anfang des Buches, wo der Erzähler weitschweifende Ausführungen zu seinen Buch über den unbekannten und vergessenen Stummfilmer macht, etwas ungeduldig. Spätestens als Auster haarklein die Kameraeinstellungen der Stummfilme schildert, denkt man, wann wird es endlich spannend, wo ist der Kern der Geschichte. Aber irgendwie weiß man, dass der Roman, den man immer ungeduldiger liest, gut ist und der momentane Handlungsstrang seine ganz spezifische Bedeutung hat. Bei jeder Zeile spürt man - vollkommen unaufgezwungen - die Qualität und erahnt die anspruchvolle Konstruktion des Buch der Illusionen.
 


 
 
 
   

abgeknallte Identitäten

So liest man schneller, man hetzt, will weiter zumindest zu dem was auf dem Umschlag steht. Doch Auster lässt sich nicht hetzen. Die Handlung zieht sich in die Länge. Der Leser wird langsam eingelullt. Doch plötzlich taucht eine Frau mit Knarre auf und alle bisherigen Identitäten und Lebensweisen werden ausgelöscht. Nur die geschickt gesponnenen Fäden der Story halten. Nun machen die ausführlichen und akribischen Beschreibung einen Sinn. Nun werden die Parallelen und Verstrickungen klar. Das kontigente Spiel mit Identitäten ist in vollem Gange. Die neue, fast schon harmonische Lebensbewältigungsstrategie von Zimmer war nur eine Zwischenstation. Jetzt ist es fast schon zu spät und ich bereue, schon über die Hälfte des Buches gelesen zu haben.
 


 
 
   

run, run, lets run

Fast unbemerkt nähert sich das Leben des zum Leben unfähigen Professors David Zimmer und des zum Tod verdammten Stummfilmers Hector Mann an. Beide werden getrieben von illusionären Prinzipien und Prinzipien geleitenden Illusionen. Die sich immer weiter verdichtende Handlung läuft auf die Begegnung zwischen Mann und Zimmer zu. Doch gehen die Lebensentwürfe der Beteiligten, nach dem vom Leser sehnsüchtig erwarteten Showdown, in vollkommen unerwartete Richtungen. Die Harmonie getriebene Illusion verpufft. Das Leben ist weder ein Stummfilm noch eine Soap Opera. Leben bedeutet immer Verlust aber auch Hoffnung.
 

 
   

am Ende bleibt Hoffnung

Zum Glück ist das Buch der Illusionen ein eher dünnes Buch. Deshalb werde ich es gleich noch einmal lesen mit der Hoffnung, nun da ich eingeweiht bin in das geheime Leben des Hector Mann, jede Zeile zu genießen. Selten war ein Epigramm so zutreffend. "Man has not one and the same life. He has many lives, placed end to end, and that is the cause of his misery." Natürlich hab ich es beim ersten Lesen überlesen.
 

 
   

Fazit

In Ruhe genießen und auf die Qualität eines Paul Austers, wie man ihn aus "Stadt aus Glas" und "Moon Palace" kennt, vertrauen! Die perfekte postmoderne Konstruktion hemmt etwas den Identifikationsfaktor.   
 
-- Paul Auster: The Book of Illusions. Faber and Faber 2002, 320 Seiten, 19,80 Euro, gebundene engl. Ausgabe.
-- Paul Auster: Das Buch der Illusionen. Rowohlt 2002, 382 Seiten, 19,90 Euro, gebunde dt. Ausgabe.


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Timo Wirth
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