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Bäderkönig Hugo


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Infos zur AutorinInfos zur Autorin Schwimmbäder sind heute Wellness-Stätten, in denen man sich bei Aquagym und im Whirl-Pool erholen kann. Doch was geschieht, wenn man Katharina Hackers Roman über ein abgewirtschaftetes Ost-Berliner Jugendstil-Schwimmbad ins moderne Badeparadies mitnimmt? Rettungsring bereithalten und nicht an den versüfften Boden des Schul-Schwimmbeckens denken.
 

 

 

"Der Bademeister" und hinten auf dem Umschlag: "Das Schwimmbad als Ort einer Obsession" - das Buch verspricht mir prickelnde Unterhaltung. Nackte Tatsachen, die Umtriebe eines galanten Bademeisters in knapper Bademode mit einer blondgelockten Badenixe? Genau der richtige leichte Lesestoff für den Besuch im Stadtbad. Auf in den Badespaß. Vier Bahnen einschwimmen müssen genügen, dann tauche ich ins Buch ein. "Ich bin der Bademeister, ich habe nie viel gesprochen." Doch dieser Bademeister ist kein braungebrannter Baywatch-Held mit Waschbrettbauch und trägt keine rote Badehose.
 

 
   

Verfall nach dem Mauerfall

Hugo, 58 Jahre, ist seit vierzig Jahren Bademeister im Volks- und Stadtbad in Prenzlauer Berg, Berlin. "Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht." Er geht morgens um sieben zum Schwimmbad, geht abends um neun wieder in die Wohnung, die er mit seiner alten Mutter teilt. Doch einige Jahre nach dem Mauerfall, als ein Placken Putz aus der Wand bricht, wird das fast hundert Jahre alte Schwimmbad geschlossen, der Bademeister entlassen. Für ihn bricht eine Welt zusammen: "ein Schwimmbecken ohne Wasser, ein Bademeister ohne Schwimmbad, und das ist schlimmer als ein Ertrunkener, es ist ein Unding". Erst läuft er tagelang durch die Stadt, doch keiner protestiert gegen die Schließung. Dann kehrt er zurück zum leeren Schwimmbad. Er wird es nicht mehr verlassen. Er beginnt, gegen die Zeit und den Verfall "seines" Schwimmbads anzureden. "Hören Sie?" spricht er den Leser immer wieder an. Er rechtfertigt sich, will hinter der Schließung eine Verschwörung wissen.
 

   

alles fließt

In seinem endlosen Monolog werden die Erinnerungen des Bademeisters wie Wellen an den Beckenrand gespült. Aussagen wiederholen sich, dazwischen wird Neues angespült. So setzt sich die Lebensgeschichte des Bademeisters zusammen. So wie die Putzstücke aus den Wänden des Schwimmbades brechen Erinnerungs-Bruchstücke aus Hugo hervor: Die durchlittene Kindheit, die von Strafen des Vaters geprägt ist und in der Hugo wegen seinen Hochwasserhosen verspottet wird. Der Selbstmord des Vaters, die Vergangenheit des Vaters in der NS-Zeit, die Ermordung von Juden in der Schwimmhalle, der Unfalltod der kleinen Tochter des Kioskbesitzers. Alles sprudelt jetzt aus ihm heraus.
 


 
   

abtauchen ohne aufzutauchen

Hugo hat dies alles nie verarbeitet und statt dessen eine meisterhafte Strategie entwickelt: Augen schließen und abtauchen in ein unauffälliges, ereignisloses Leben. Er hält das Wasser im Schwimmbad sauber und flüchtet sich in die Verantwortung als Bademeister. So kann er vorweisen: Als Bademeister ist er Lebensretter ("keiner ist bei mir ertrunken") - aber sich selbst hat er aufgegeben. Er fängt erst an, sein Schweigen aufzugeben, als alles zu spät ist. Der Verfall des Schwimmbads hält Hugo vor Augen, dass er selbst am Ende, sein Leben verbraucht ist.
 

 
   

Wasser marsch

Im Wasser hinterlassen die Ereignisse scheinbar keine Spuren. Es wäscht rein. Dennoch ist das marode Schwimmbad ein Haus der Geschichte, der Zeit. In der "Badeanstalt des öffentlichen Rechts" rechtfertigt sich der Bademeister. Er, der kein Wässerchen trüben kann, sucht nach Schuld. An seiner Seite glimmt ein Leuchtglobus, den er wie die antike Gestalt Atlas auf seinen Schultern ins Schwimmbad getragen hat. Nach dem Tod des Vaters hat er sich auf seinem Globus die Länder angeschaut, in die er reisen wollte. "Aber das Wasser überwiegt, es hat den Sieg davongetragen."

 
   
   

Fazit

Nach ihren bereits vorliegenden kurzen Erzählungen ist der erste Roman von Katharina Hacker ihr Meisterstück: Der Monolog plätschert nicht einfach dahin, er packt einen wie ein Strudel. Sie überrascht in den Nahaufnahmen, den glasklaren Details. Jemand rüttelt mich. Der Bademeister. "Hören Sie nicht? Die Lautsprecherdurchsage. Die Badezeit ist zu Ende." Draußen ist es duster. Das Buch hat mich verschluckt. Was sagen Sie? Ich kann Sie nicht hören. Ich habe noch Wasser in den Ohren.

 
-- Katharina Hacker: Der Bademeister. Suhrkamp, 2000. (36,00 DM Hardcover).


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Jutta Edinger
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