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Geschenk 2000


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Infos zur AutorinInfos zur Autorin Nicht die Glocken klingeln diese Weihnachten, sondern die Nokias, Alcatels und Motorolas. Wenn Sie's unterm Weihnachtsbaum klingeln hören, dann können Sie sicher sein, dass das Heil der mobilen Kommunikation zu Ihnen kommt. Weihnachten 2000 wird die Geburtsstunde von vielen neuen kleinen Handys sein, die in der stillen Nacht das Licht der Welt erblicken. Doch Vorsicht! Hören Sie zuerst Ihre Mobil-Box ab:
 

 
 

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Bis vor kurzem noch waren Handys verpönt als typisches Beiwerk des Wichtigtuers. Denn man sah sie nur an den Hüften des BWL-Studenten mit zuviel Gel im Haar und Düsseldorfer Kfz-Kennzeichen. Mobilfunktelefone waren eben das ideale Accessoire für den modernen Maulhelden. Inzwischen ist ein Handy denkbar ungeeignet, um beim Gegenüber Eindruck zu schinden: Der hat auch eins. Und wenn nicht, dann spätestens nach diesem Weihnachtsfest.
 


   

Joa, ist denn heut scho' Weihnachten?

Die Cash-Karten Handysgehen wie warme Semmeln über den Ladentisch. Die bereits in der idealen Größe eines Weihnachtspäckchens daherkommenden Prepaid-Handy-Pakete sind bei den spottbilligen Preisen fast geschenkt. Plötzlich spricht nichts mehr gegen den Besitz eines eigentlich überflüssigen Stück Technik. Denn: Dabei sein ist alles. Darum geht es: "Aufladen. Telefonieren. Dabei sein." (XtraCard) oder "Live dabei" (D2) sein.
 

 
   

Make yourself heard

Die Mobilmachung der deutschen Bevölkerung in Sachen Telekommunikation wird nach dem Weihnachtsfest 2000 abgeschlossen sein. Was jedem Schweizer sein Gewehr, sein Taschenmesser und seine Uhr ist, soll das Handy für den Ottonormalverbraucher werden. Demnächst wird also die Oma neben mir im Bus ihre geräumige Handtasche öffnen und mit dem entströmenden Duft nach frischgemahlenem Eduscho-Kaffee wird sie ihr Handy auspacken und ihrer Schwiegertochter wichtige Dinge sagen. Wie etwa: "Ich bin jetzt im Bus. Ich bin in fünf Minuten bei dir."
 

 
   

Danke der Nachfrage

Das Cash-Karten-Handy ist aber erst die Einstiegsdroge. Wer einmal Blut geleckt hat, wird bald verächtlich von den Festnetztelefonierern sprechen und zum Vertragstelefonierer mutieren. Aber dafür sind die Schenkenden fein raus. Die nächsten Geschenkanlässe des mit einem Handy zu Weihnachten Beglückten, wie Geburtstag oder Ostern, sind gerettet. Als nächstes bekommt er oder sie ein Päckchen aus der Zubehör-Palette: ein austauschbares Cover, eine Plüschtier-Tasche oder eine Freisprecheinrichtung.
 

 
   

Connecting people

Jemand da draußen ist mir ganz besonders angetan und hat mir einen SMS-Adventskalender beschert. Jeden Tag morgen wirft mich ein unnötiger SMS-Gruß aus dem Bett. Heute war hinter dem virtuellen Türchen: "Nimm meine Hand, und ich entführe dich auf eine lange Reise in den siebten Himmel." Sehr schön. Da können selbst die billigen Schokoladenmotive aus meinem Sonderangebots-Adventskalender nicht mithalten.
 

   

So nah, als wär' man da

An dieser Stelle daher der Rat: Rufen Sie ihre Liebsten zu Weihnachten nicht an und schicken Sie um Himmels Willen keine Weihnachtsgrüße per SMS. Sondern fahren Sie hin. Dann können Sie beim heißen Apfelwein und Zimtsternen gegenseitig ihre neuen Handys begutachten, liebkosen und sich den Mund fusselig reden. Bis Sie heiße Ohren bekommen.
Ende der neuen Nachrichten.
 

 

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 Jutta Edinger
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