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Cyberspacig trinken


Printversion

Cyber, Cyber, Cyber - Cyber-Wortungetüme nerven und können einem die schönsten Sachen überstylen und übermäßig trendy machen. Doch bei "Cyber-Drink" ist das anders. - Was vom "Cyber Drink"-Trinkpäckchen ohne das Hasswort übrig bleibt und wonach das dann schmeckt.
 


Info des Herstellers
"Cyber Drink! Was ist denn das?"
Positionierung
"Untersuchungen haben ergeben..."

 

Die Sachen, die, obwohl es naheliegen könnte, wirklich nicht leicht verderblich sind, stehen im Tengelmann in dem Regal, auf das der Blick fallen muss, bevor es zur Kühltheke geht: Ultrahocherhitzte Milch, Kakaogetränke auf Wasserbasis, Hühnereier trauriger Herkunft. Aus dem Einheitsbraun und den anderen Küchenfarben sticht da seit neuestem der "Cyber Drink" hervor. Der Trash-Trigger in der Tengelmann-Tristesse.
 

   

Color me bad!

Alles was moderner Vierfarbdruck hergibt, ist auf diesem Verbundstoff-Getränkebrikett drauf. Schwer zu sagen, woraus der Hintergrund bestand, bevor er vermittels Spiraleffekt verdreht, mit Orangenscheibe und gut hinter einer Milchstraße aus weißer Flüssigkeit versteckten Karotten dekoriert wurde. Alles ziemlich bunt. Und der einzig passende Name: "Cyber Drink" in großen Lettern, die wie gebogene Neonröhren aussehen und blau zu leuchten scheinen. "Miami Vice", "Dirty Dancing" und "Cocktail" blitzen weit hinten in meinem Kopf auf. In Zeiten, als mit PrintMaster am C64 herumgespielt wurde, hätte diese Schriftart als futuristisch gegolten. Nur der unverzichtbare Trinkhalm kommt von der Stange - diagonal in einer durchsichtige Plastiktülle aufgeklebt und rot-weiß längsgestreift.
 

   

Zurück in die Grundschulpause

Ich fühle mich ins Grundschulalter zurückversetzt: Strohhalm in die kreisrunde Sollbruchstelle aus Alufolie stoßen, Augen zu und saugen. - Süß, dünn, klebrig. Ich habe vorher nicht wirklich nachgedacht, für welche Frucht oder welches Tier "Cyber" stehen könnte. Das hier ist schlicht undefinierbar, könnte entfernt Pfirsich sein. Ein Blick auf die schmale Seite des Trinkpäckchens belehrt mich: "Orange-Karotte Getränk mit Vollmilch". Der Cyber-Drink ist eine Pausenmilch...
 

 
   

Zeitgemäßes Pausen-Dingsda

"Marktuntersuchungen haben ergeben, daß Kinder etwa ab dem 12. Lebensjahr beim Milchverzehr zusätzliche "action" wünschen [..] - in diesem Lebensalter muß man "trendy" sein. Der [..] Ravensberger Cyberdrink kombiniert die wertvollen Inhaltsstoffe der Milch mit einer erfrischenden Fruchtsaft-Zugabe. Der Ravensberger Cyberdrink in der zeitgemäß gestylten 0,33-Liter-Packung wird sowohl als Schulmilch angeboten und ist auch in den Handelsregalen zu finden." - Ob Schulmilch mit einem Milchanteil von 10 Prozent noch Schul- oder schon Schummelmilch ist, muss die Humana Milchunion eG beantworten. Alles andere wird der so genannte Markt zeigen. Der besteht aus Kindern. Und die werden täglich von Produkten umworben, die nicht immer ausschauen, als entstammten sie den ängstlichen Hipness-Vorstellungen eines Überlebenden der Generation vor dem Golf.
 

 
   

Alles, nur keine Kuh

Wehmütig denke ich mit der leeren, bunten Packung in der Hand und dem Cyber-Nachgeschmack im Mund an die trendverweigernde Coolness von "Arla". Die Tetrapaks des schwedischen Milch-Giganten sehen seit Anfang der Siebziger nahezu gleich aus: Nur eine stilisierte Kuh. "Hier gibt's Milch und sonst nix", strahlen die aus und sind dazu funktionell bis ins Detail: Die Streifen auf der Packung werden desto dünner, je weniger Fettanteil die Milch innendrin hat. - Skål! Denn "Arla" hat es damit bis in die Designausstellung des Stockholmer Nationalmuseums geschafft.
 


Cyber Drink
_Hersteller: Humana Molkerei
_Inhalt: 0,33 l
_Preis: ca. 1,08 Mark
 

   

Fazit

"Cyber Drink" ist Abzocke für Krypto-Milchtrinker ab 12. Spätestens im Studenten-Alter sollte man dann angesichts von 1,08 DM für pures süßes Image auf Softdrinks umsteigen. Die werden wenigstens von Produktmanagern betreut, die sich Beschreibungen wie "ein zeitgemäßes "cooles" Getränk mit modernem Namen" verkneifen können.  

 

 

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 Stefan Schmidt
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