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"Kein Angebot für diejenigen, die sowieso keine Zeitung lesen"


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Ist ePaper die Zukunft der Zeitung im Internet? Hans-Jürgen Bucher, Professor für Medienwissenschaft, fragte User wie Sie von ePaper halten und untersuchte, wie sie ePaper umgehen. JavaJim spricht mit ihm über ePaper, Nutzungsgewohnheiten und die Zeitung aus der Steckdose.
 


ePaper von RZ-Online

 

Lesen Sie als Zeitungsleser gerne ePaper? Nutzen Sie als Internet-User gerne ePaper?
 
Ich bin inzwischen viel zu sehr an die "echten" Online-Ausgaben von Medien gewöhnt, als dass ich mich mit ePaper begnügen würde. Allerdings könnte ich mir vorstellen, meine eigene Regionalzeitung als ePaper zu lesen, da ich diese extrem selektiv nutze - und dafür brauche ich sie eigentlich nicht jeden Tag im Vollausdruck im Briefkasten.
 

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Zur Person
Hans-Jürgen Bucher ist
Professor für Medien-
wissenschaft an der
Universität Trier.
Er forscht seit 1997 im
Bereich Usability.
mehr zur Person

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Was entgegnen Sie aufgrund Ihrer Untersuchung Kritikern, die behaupten ePaper sei eine mangelhafte und problembehaftete Symbiose aus Print und Online?
 
Diese Sichtweise mag gelten für die reinen pdf-Versionen von Tageszeitungen. Für die interaktiven Varianten von ePaper konnte in unserer Studie tatsächlich genau das Gegenteil nachgewiesen werden. ePaper-Ausgaben ermöglichen den Nutzer, ihre Kompetenzen, die sie bei der Lektüre der gedruckten Zeitung erworben haben, direkt auf die Nutzung eines Online-Angebotes zu übertragen. Vor allem für weniger internet-versierte Leser - und viele Zeitungsleser gehören rein altersbedingt zu dieser Gruppe - ist das ein ganz entscheidender Vorteil. Aus der Sicht der Nutzer wird das klar als Vorteil formuliert. "Da käme meine Oma mit klar". Wenn das kein positiver Usability-Befund ist!

Ist ePaper nicht ein Rückschritt für den Online-Journalismus?
 
ePaper ist überhaupt kein Online-Journalismus, sondern die Verbreitung journalistischer Printleistungen in einem digitalen Medium. Journalismus setzt ja redaktionelle Arbeit voraus, die gerade bei ePaper nicht anfällt. ePaper wird durch Software produziert - und gerade darin liegt offensichtlich derzeit der Charme dieses Interface für die Verlagen: Online-Zeitungen ohne Online-Journalismus. Allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass sich das nicht auch ändern könnte - wenn nämlich das digitale Zeitungsinterface nur als Einstiegstor für multimediale Aufbereitungen, hypetextuelle und interaktive Angebote genutzt würde.

Worin liegt für Leser der Nutzen eines ePaper-Abos?
 
Zwei entscheidende Vorteile von ePaper-angeboten zeichnen sich in unsere Studie - mit fast 480 Online-Befragungen und 24 qualitativen Nutzungstests - ab: erstens die raum-zeitliche Unabhängigkeit für die Nutzung. Die meisten Nutzer lesen die ePaper-Ausgabe an verschiedenen Orten - also daheim und im Büro. Und zweitens der Transfer von Nutzungsgewohnheiten und Kompetenzen, die in der jahrelangen Nutzung einer Tageszeitung erworben wurden. Man kann Online lesen ohne vorher ein Internetseminar absolviert haben zu müssen.

Löst ePaper zukünftig die gedruckte Lokalzeitung ab?
 
Das glaube ich überhaupt nicht. Aber es wird sicherlich eine bestimmte Gruppe auf ePaper umsteigen. die Schätzungen in der Zeitungsbranche gehen von 10 bis 12 Prozent aus. Schon die Funktion von ePaper spricht gegen ein Verschwinden der gedruckten Lokalzeitung: ePaper wird ausschließlich als Ergänzungsangebot wahrgenommen, nicht als Ersatz. Das zeigen sowohl unsere Befunde aus der Online-Befragung als auch aus den qualitativen Nutzungstests.

Welche ePaper-Funktion der Rhein-Zeitung schätzen die User besonders?
 
Erstaunlicherweise wird die Archivierungsfunktion der Rhein-Zeitung sehr hoch geschätzt. Man braucht Artikel nicht mehr mit der Schere ausschneiden, sondern druckt sie einfach - im entsprechenden Zeitungslayout - aus. Die Gewohnheit, Zeitungsartikel aufzubewahren ist offensichtlich weiter verbreitet, als man das annimmt und nicht nur auf Gruppen beschränkt, die das von Berufs wegen tun. Der Clipping-Service, den die Rhein-Zeitung anbietet, ist demzufolge nur konsequent.

Worin liegen die größten Probleme von ePaper?
 
Ein grundlegendes Problem liegt in der (noch) fehlenden Hypertextualität und Hypermedialität der ePaper-Ausgaben. Wenn auf der Titelseite eines digitalen Produktes ein Inhaltskasten mit Verweisen auf weitere Beiträge im Blatt auftauchen, dann erwarten wir normalerweise auch, dass diese Titel sensitiv sind. Genau das aber ist in den meisten Fällen nicht gegeben. Man muss also im digitalen Medium genauso blättern, wie in der gedruckten Zeitung - was im übrigen auch unsere Labor-Befunde belegen. Der am häufigsten verwendete Button ist der Button zum Weiterblättern. ePaper-Navigation folgt in ihrer Linearität genau dem Muster, das auch bei der Lektüre der Printausgaben angewendet wird. Das wird auch daran deutlich, dass nicht die Flyouts, die der Mouseover-Effekt öffnet, zur Orientierung genutzt werden, sondern die Überschriften direkt gelesen werden.

Was haben die User am stärksten bemängelt?
 
Eines der grundlegenden Problem von ePaper lässt sich auf die eingeschränkte Lesbarkeit zurückführen. Eine Zeitungsseite, die auf Bildschirmgröße verkleinert werden muss, ist eben nur noch sehr begrenzt lesbar - und die Grenze ist bei einer Anzeigenseite deutlich überschritten. Hier gleicht die Lektüre einem Blindflug, an eine systematische Auswertung des Anzeigenteils ist überhaupt nicht zu denken. Die Alternative kann hier nur in einer komfortablen Datenbank liegen.

Wie kommen die User mit dem Grundprinzip der Navigation klar? Mini Ansicht einer Zeitungsseite, alles ist sensitiv, beim Darübermousen erscheint ein Flyout mit einer Minivorschau, alle Elemente, selbst die kleinsten (ggf. ohne Informationswert) sind anklickbar und werden nach dem Anklicken in Großansicht präsentiert.
 
Die Navigation ist der entscheidende Vorteil einer ePaper-Ausgabe. Sie wird intuitiv gelernt - auch relativ schnell von den Probanden, die bislang noch keine Erfahrungen mit ePaper hatten. Es zeigt sich allerdings deutlich, dass die "mental map" die jemand von einer Tageszeitung entwickelt hat, eine ganz entscheidende Hilfe dabei ist. Insofern ist auf jeden Fall zu berücksichtigen: ePaper ist kein Angebot für diejenigen, die sowieso keine Zeitung lesen. Den warum sollten sie sich mit einem Interface abgeben, das aus ihrer Sicht aus der Mediengeschichte stammt. ePaper wird also sicherlich nicht als Lockmittel für junge Zeitungsleser funktionieren.

Welches Ergebnis der Untersuchung hat Sie persönlich am meisten überrascht?
 
Überrascht hat mich, wie eindeutig die Nutzer ePaper als Ergänzung der gedruckten Zeitung wahrnehmen und in keinster Weise als Alternative zu einem Online-Dienst der Zeitungen mit seinen ganzen hypertextuellen Möglichkeiten. ePaper ist also für die Nutzer offensichtlich alt und neu zugleich. Eine innovative Zukunft für ePaper kann ich mir eigentlich nur dann vorstellen, wenn andere Endgeräte - wie digitale Folien - verfügbar sind, die dann eben die transportable "Zeitung aus der Steckdose" möglich machen.


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Zur Studie
Untersuchungsgegenstand:
- ePaper der Rhein-Zeitung

Die Untersuchung bestand aus drei
Elementen:
- 1) Qualitative Nutzungsstudie im
Usability-Labor mit 24 Probanden;
- 2) Quantitative Online-Befragung mit
rund 480 Probanden,
- 3) Logfile-Analysen von Daten aus
zwei Wochen

Förderer:
Wissenschaftsministerium
Rheinland-Pfalz

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