{die Zentrale}    
 
Newsletter abonnieren
 

{zurück zur Übersicht}    







 
   

Ich glotz TV und die Macht ist mit mir!


Printversion
 

Populärkultur ist nicht die hohle Kultur der Arbeiterklasse oder ein billig produziertes Massenprodukt. Über das was Populärkultur ausmacht sprach JavaJim sprach mit Rainer Winter, Privotdozent im Fach Soziologie. Weitere Gesprächthemen: Macht, Subversion und die Schwarzwaldklinik.
 


 

 

Ist alles Pop?
 
In der Tradition der Cultural Studies ist keineswegs alles "Pop", was mit populären Medien zu tun hat. "Popular culture" entsteht in der produktiven und kreativen Auseinandersetzung mit der jeweils dominanten Kultur. Denn Cultural Studies untersuchen die Machtverhältnisse in spezifischen kulturellen Kontexten bzw. gesellschaftlichen Feldern. Pop bezeichnet in dieser Lesart das positive Ergebnis einer erfolgreichen Auseinandersetzung mit medial vermittelten, kulturellen Formen. Den KonsumentInnen gelingt es, in einer lustvollen und schöpferischen Interaktion ihre Interessen und Bedürfnisse zu artikulieren.
 

 
 
...................................
die Fragen stellte:
Timo Wirth

...................................
   

Wenn nun alles Popular Culture sein kann oder ihr zurechenbar ist, wie kann man Kultur dann kritisch analysieren und bewerten?
 
Insbesondere John Fiske hat gezeigt, dass die Beliebtheit und Popularität von medialen Produkten zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass ZuschauerInnen in deren Rezeption und Aneignung eigene Interpretationen und Lesarten entfalten, die ihnen bis zu einem gewissen Grad Handlungsmächtigkeit in ihrem jeweiligen Lebenszusammenhang erlauben. Eine kritische Interpretation beginnt mit der Analyse sozialer und kultureller Ungleichheit sowie der jeweiligen Machtverhältnisse. Vor diesem Hintergrund wird die Medienrezeption erforscht und analysiert, inwieweit Eigensinn entfaltet wird und sich "Fluchtlinien" auftun.
 

Kann man z.B. die Fernsehserie "Schwarzwaldklinik" und Thomas Manns Roman "Der Zauberberg" als Kulturprodukte auf eine Stufe stellen oder ist sogar die "Schwarzwaldklinik" für die heutige Gesellschaft relevanter und produktiver?
 
Dies hängt vom Kontext der Rezeption, den jeweiligen Machtfeldern und den Kompetenzen der "Leser" ab. Wer zum "Zauberberg" keinen Zugang findet, kann sich vielleicht mittels der "Schwarzwaldklinik" über seine Lebenssituation klarer werden. Cultural Studies zeigen, dass auch Fernsehserien positiv im Leben ihrer Nutzer wirken können. Sie analysieren kulturelle Texte nicht an sich, sondern immer vom Kontext ihrer Rezeption her.

Dem Popular-Culture-Konzept von John Fiske wird (auch im Feld der Cultural Studies) vorgeworfen, dass es den Widerstand und das Publikum fetischisiere und so den Konsum per se unkritisch verherrliche. Wie stehen Sie zu dieser Kritik? Ist eine kreative Umdeutung von medialen Texten oder ein anderer Gebrauch von Produkten, die nicht von den Produzenten als Image vorgeben wurde nicht vollkommen unpolitisch und harmlos also irrelevant?
 
John Fiske zeigt in seinen kritischen Analysen Möglichkeiten auf. Man versteht ihn falsch, wenn man jede Form des Medienkonsums für subversiv hält. Wie Michel de Certeau und andere kritische Theorien des Alltags macht Fiske deutlich, dass es auch im Alltag Kritik, Widerstand und ein utopisches Potential geben kann.
 
Die zu klärende Frage ist, welchen Stellenwert diese Prozesse haben. Inwiefern können mediale Ressourcen und kulturelle Praktiken - wie die Aneignung von Filmen und Fernsehtexten sowie die Produktion und Rezeption populärer Musik - ein symbolisches Fundament für neue soziale Bewegungen sein? Können beispielsweise Allianzen zwischen ethnischen Immigranten, lokalen Musikszenen, Gewerkschaften und Globalisierungsgegnern hergestellt werden? Kann auf diese Weise eine neue politische Bewegung entstehen, für die die populäre Kultur ein verbindendes symbolisches Band darstellt?
 
Dies sind entscheidende Fragen für das Projekt von Cultural Studies in der neoliberalen Ära, in der die Verknüpfung von Theorie, Forschung und parteilicher Praxis in der Tradition von Zola, Sartre und Bourdieu unerlässlich ist.

Worin kann nach Ihrer Meinung die Subversivität des alltäglichen Medien- und Produkt-Konsums bestehen?
 
Für subordinierte bzw. minoritäre Personen und Gruppen kann der Medienkonsum eine kreative Kraft entfalten, die sich positiv auf Identitätsbildung, Sensibilisierung für gesellschaftliche Ungleichheit und Selbstbehauptung auswirkt. In der Tradition der Cultural Studies finden sich hierfür viele Beispiele: Frauen, die sich gegen patriarchale Unterdrückung wehren, Immigranten, die ihre eigene Identität aushandeln, oder Jugendliche, die gegen die Zumutungen der Erwachsenen aufbegehren und sich einen Freiraum erkämpfen.

Haben die Kulturindustrien den produktiven Konsumenten mittlerweile nicht prima in ihre Markenkonzepte integriert? Schaut man sich Marken wie Nike, Diesel, H&M, Bodyshop und IKEA an verkauft sich Polysemie und Subversivität sehr gut, oder?
 
Die Kulturindustrien reagieren mit Hilfe von Wissenschaftlern, Trendscouts etc. auf das kreative Potential in der Lebenswelt, greifen Ideen, populäre Erfahrungen und Praktiken auf, integrieren sie in ihre Kommerzialisierungsstrategien und kolonisieren auf diese Weise den Alltag. Die Geschichte der Jugend- und Fankulturen zeigt aber, dass auf diese Prozesse auch wieder kreativ reagiert wird. Es entstehen neue minoritäre Taktiken, Trends und populärkulturelle Praktiken.

Worin bestehen die Stärken von Cultural Studies im Vergleich zu anderen soziologischen Ansätzen?
 
Die kultur- und mediensoziologischen Ansätze in der BRD sind nicht kritisch orientiert. Warum dies -im Gegensatz zur Tradition der Cultural Studies in Großbritannien, Australien oder den USA- so ist, bedarf einer eigenen wissenschaftshistorischen Untersuchung. Cultural Studies sind eine Form kritischer Theorie und Analyse, die ausgehend von den gesellschaftlichen Machtverhältnissen das Leiden an diesen und Formen des Widerstands untersucht. Wissenschaftliche Forschung ist für Cultural Studies kein Selbstzweck, sondern Teil des Bemühens, eine demokratischere und gerechtere Gesellschaft zu schaffen.
 
Cultural Studies geht es um die "Theoretisierung von Politik" und die "Politisierung von Theorie" (Larry Grossberg). Sie sind bestrebt, politisch brauchbares Wissen zu erzeugen. In diesem Sinn geht es ihnen vor allem um eine Politik der Anerkennung und der Ermöglichung von Handlungsfähigkeit.

.......................................................................................................

Angaben zur Person:
Rainer Winter, Soziologe und Psychologe, ist Privatdozent für Soziologie an der Technischen Hochschule Aachen. Wichtige Veröffentlichungen zum Thema Cultural Studies:
- Die Fabrikation des Populären. Der John Fiske Reader. 2001.
- Die Werkzeugkiste der Cultural Studies. 2001.
- Die Kunst des Eigensinns. 2001.
- Widerspenstige Kulturen. 1999


 

...............................................................
Mehr zu Cultural Studies
 gelesen: John-Fiske-Reader
...............................................................