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"Er murmelte Strg Z"


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Elektrotraum.de

Auf Elektrotraum.de werden elektronische Träume gesammelt. JavaJim sprach mit Ulrich Gutmair, einem Initiator des Projekt, über Interfaces, Cyborgs und Computerliebe.
 


 

Was ist so faszinierend an Elektro-Träumen?
 
Das Interessante an Elektro-Träumen ist, dass man an ihnen ablesen kann, wie selbstverständlich die Interaktion mit Interfaces geworden ist, egal ob es die Menüführung eines Handys, oder eine Benutzeroberfläche von einem Betriebssystem oder einer bestimmten Software ist. Elektronische Apparate und vor allem die Logiken von Computern sind nicht mehr etwas Fremdes, was man erst mühsam verstehen muss, was anstrengend ist, sondern sie sind zur Normalität, zu einer fast natürlichen Umgebung geworden. Jetzt kann man im Traum eben nicht mehr nur fliegen, schwimmen, rechnen und lesen, aus dem einen Raum in den anderen gehen, sondern sich auch einfach mit dem Scrollbar ein anderes Szenario bewegen, oder sich woanders hinklicken oder mit einem Shortcut eine Wirkung hervorrufen.
 

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die Fragen stellte:
Timo Wirth

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Kannst Du ein oder zwei Beispiele für typische Elektro-Träume geben?
 
Ein Freund von mir arbeitet viel mit Datenbanken, die er auch programmiert. Vor kurzem hat er im Halbschlaf seine Tochter Lisa nach ihm rufen hören, sie war aufgewacht, und eigentlich hätte er aufstehen müssen, und sie aus dem Bett holen. Stattdessen hat er sie einfach in einen Traum eingebaut. Um das Schreien abzustellen, hat er mit Kommandozeilen geantwortet, die das Problem lösen sollten: "Select * from Wiege where Baby = Lisa". Übersetzt heißt das: "Nimm alle Elemente, auf die zutrifft, dass es sich um ein Baby namens Lisa handelt, aus der Wiege."
Ein Kollege wiederum ging irgendwann im Büro an mir vorbei, und hat aus Versehen sein Telefon fallenlassen. In einem ersten Impuls murmelte er "Strg Z", also Rückgängig machen, vor sich hin. Das ist zwar kein Traum, aber eigentlich ein dem Traum typisches Verhalten. Es gibt vermutlich noch viel buntere Beispiele, aber die werden hoffentlich in den nächsten Wochen und Monaten auf www.elektrotraum.de gesammelt werden, wo jeder Träume beisteuern kann.

Sind Elektro-Träume eher eine Bedrohung - also ein Negativ-Produkt der Medienrealität - oder eine Bereicherung - also ein kreativer Umgang mit der Medienrealität?
 
Träume sind per se dazu da, das zu verarbeiten, was einem tagtäglich wiederfährt, ob das Medien sind oder unverschämte Autofahrer oder ein Streit mit einer Freundin, ist dabei völlig egal. Dass Träume auch die Umgebungen abbilden, in denen man sich aufhält, und die Verfahrenslogiken, die man am Computer benutzt, ist nicht weiter verblüffend und eigentlich auch eine völlig neutrale Angelegenheit. Man hat im Traum ja oft gute Ideen, und vermutlich träumen Programmierer manchmal auch von guten Codes. Gleiches gilt wahrscheinlich für Albträume, etwa die Idee, dass man mit einem falschen Mausklick die Arbeit von Stunden oder Tagen ruinieren kann.

Sind Elektro-Träume vielleicht eine letzte Erinnerung, ein letzter Schrei des Menschlichen in unseren Cyborg-Identitäten?
 
Kommt darauf an, wofür man Menschen ganz generell hält. Ich halte den homo sapiens sowieso für eine sehr künstliche Angelegenheit. In dem Augenblick, wo das Tier zu sprechen anfängt, und einen Stock als Gehhilfe benutzt, hat man eigentlich den Cyborg schon vor sich. Elektro-Träume sind insofern nur Hinweise auf die neueste Generation von Medien, auch wenn ein Computer im Vergleich zum Fernseher eine revolutionäre Angelegenheit ist.

Glaubst Du, dass Elektro-Träume als Produkt der Medienrealität wieder auf die Realität zurückwirken und somit eine Elektro-Hyperrealität entsteht? Wie ist der Einfluss der Elektro-Träume auf das wache Leben, gerade wenn man an Computerspiele und Internet denkt?
 
Man kann wahrscheinlich sagen, dass es schon immer Schleifen gegeben hat in dem Sinn, dass Träume, Ideen, künstlerische Produktion Einfluss auf die Architektur und die Inhalte von Medien gehabt haben und umgekehrt. Hyperrealitäten muss man deswegen noch lang keine sehen, das ist eine irgendwie religiöse Idee mit der Hyperrealität. Ein einfaches Beispiel: Die erste Newsgroup im Netz wurde gegründet, damit sich Sci-Fi-Fans im Netz über bestimmte Autoren, Bücher und Ideen austauschen konnten. Vieler dieser Sci-Fi-Fans sind umgekehrt vielleicht nur deswegen Programmierer geworden (was sie größtenteils waren, sonst hätten sie zu dieser Zeit gar keinen Zugang zum Internet gehabt), weil der Computer ihnen unglaublich futuristisch vorkam, also dem entsprach, was sie ohnehin immer interessiert hat. William Gibson etwa hat seine Cyberpunk-Geschichten Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger noch auf der Schreibmaschine geschrieben. Ich bezweifle, dass der Mann damals jeden Tag online war. Ganz konkret gesagt: Das Netz ist natürlich das beste Medium, um sich über Träume auszutauschen, deswegen gibt es im englischsprachigen Raum auch schon viele Foren, wo Leute Dreamsharing machen. Und natürlich inspirieren solche Träume wahrscheinlich Leute, die Bücher schreiben, Szenarien für Games entwerfen und Filme drehen.

Freuds Traumdeutung zufolge haben Träume immer auch eine erotische Ebene. Stellen Elektro-Träume eine Fetischisierung von Elektrogeräten dar? Wollen Menschen heute lieber Computer spielen als ficken?
 
Die erotische Ebene offenbart sich auch in Elektro-Träumen, ich hatte vor kurzem einen, den ich demnächst auf elektrotraum.de posten werde. Klar sind "Gadgets" als solche schon Fetische, sexy Gegenstände, und als solche haben sie für den einen und die andere vielleicht auch einen besonderen Stellenwert in ihren Träumen. Zur letzten Frage kann man eigentlich nur eins sagen: Leute, die sich lieber mit Computer beschäftigen als die fundamentale Kommunikation mit anderen Menschen auf allen sensuellen Ebenen zu suchen, kann wahrscheinlich nicht mehr geholfen werden. Vielleicht gibt es Selbsthilfegruppen.

Worin besteht der Reiz, das Medium Traum in das Medium des Hörspiels zu überführen?
 
Das Hörspiel, überhaupt der Klang, entspricht strukturell dem Traum mehr als etwa das, was auf einem Bildschirm zu sehen sein könnte. Klang und gesprochene Worte lassen mehr Assoziationen, und damit fließendere Bilder zu, die wiederum charakteristisch für Träume sind. Klang scheint mir außerdem direkter anzukommen als Bilder: Worte, die einem aus dem Radio direkt ins Ohr gesprochen werden, sind auf eine gewisse Weise intimer als klar definierte Bilder. Auf einer ganz praktischen Ebene kann man schließlich auf sehr einfache Weise viele Stimmen zu Wort kommen lassen.


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Elektro-Träume
Das Webforum www.elektrotraum.de
sammelt Elektroträume. Neben dem
Community-Aspekt dient das Forum als
Materialsammlung für ein Hörspiel zum
Thema "Elektronisches Träumen".
 
Produziert wird es für die Medien-
kunstbiennale intermedium2 von der
Berliner Gruppe test bed. test bed
ist eine Gruppe von Autoren und
Netzentwicklern, die aus aus dem
Berliner Netzradiokollektiv
convex tv. (1996-1999) hervor
gegangen ist.
 
intermedium2 findet im März 2002
am Zentrum für Kunst und Medien-
technologie (ZKM) in Karlsruhe statt.
 
Forum für Elektro-Träume:
Elektrotraum.de
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